Der Holländer und ein Jude

Der Holländer und ein Jude

Eine schöne Geschichte aus meinem Leben (aus meinem Buch)

Das Schiff lag nicht einmal fünf Minuten an der Pier, da kam schon meine Ablösung an Bord. Die Übergabe war schnell erledigt, ich fuhr mit einem Taxi in die Stadt und nahm mir ein Zimmer im Seemannsheim. Es war sauber und billig. Am nächsten Tag fuhr ich zum Bahnhof, um das Ticket nach Hause zu kaufen. Dort sah ich eine Landkarte der näheren Umgebung und mir fiel der Ortsname Wormerveer auf – ganz in der Nähe von Amsterdam. Das war doch der Name der kleinen Stadt, wo Elane ihr Zuhause hatte. Der Gedanke sie zu besuchen, kam ganz spontan.

Vom Bahnhof fuhr ich mit einer Taxe dorthin und fand die Tankstelle von Elines Vater. Ich war sehr aufgeregt und überlegte mir, was ich alles erzählen wollte oder sollte. Was ich nicht erzählen würde, das wusste ich. Es gab Dinge, die behielt ich lieber für mich. Dann kam der Gedanke, dass ja viele Jahre vergangen waren. Damals in Marburg war ich ein kleiner Konditorlehrling ohne Geld, doch heute hatte ich Geld und war Koch auf einem Handelsschiff. Was sollte ich tun, wenn sie schon verheiratet war? Ich hätte ein Geschenk mitbringen sollen, doch es war zu spät, das Taxi hielt an der Tankstelle und der Fahrer erkundigte sich bei dem Tankwart, ob dies die richtige Adresse sei. Sie war es. Ich stieg aus, bezahlte den Fahrer und erklärte, was ich wollte. Ich sprach Englisch, das ich schon sehr gut beherrschte. Der Holländer, Elines Vater, kam näher an mich heran merkte an meinem Akzent, dass ich kein Engländer war. Ich klärte ihn auf, dass ich Deutscher sei und fügte noch ganz stolz hinzu, dass ich zur See fahren würde. Doch das interessierte ihn schon nicht mehr, denn er polterte los, ich solle von seinem Hof verschwinden. Mein Vater und ich seien Nazischweine und ich hätte keine Chance, seine Elane zu sehen, geschweige denn mit ihr zu reden. Er sprach ein sehr gutes Deutsch und ließ keinen Zweifel daran, was er von mir und den Deutschen hielt.

Auf der Stelle sollte ich sein Grundstück verlassen. Mit geballten Fäusten unterstrich er seine Drohung. Ich erwachte aus meiner Erstarrung und legte den Rückwärtsgang ein. Ich hatte die Bombayszene sehr gut vor meinen Augen. Nicht nur die Engländer hassten uns, auch unsere Nachbarn, die Holländer! War das denn möglich? Der Krieg war doch schon über zwanzig Jahre vorbei. Zuerst mochten mich die Deutschen nicht, weil ich kein Deutscher war, sondern ein Flüchtling, ein Polack oder ein Tscheche- egal, eben einer aus dem Osten. Nun mag mich auch der Rest der Welt nicht, weil ich Deutscher bin. Preisfrage: Wer bin ich eigentlich? Ich hoffe, dass mir solche Zwischenfälle in Zukunft erspart bleiben. Beim nächsten Mal werde ich wohl ausflippen. Es ist schon manchmal etwas schwierig, Deutscher zu sein! Für den Fall jedoch zog ich meinen Kopf zwischen die Schultern und schlich mich Richtung Straße. Ich konnte es mir allerdings nicht verkneifen, ihm aus Distanz zuzurufen, dass er genauso bescheuert sei und ein Rassist dazu. Er solle doch froh sein, dass ihn die Nazis nicht umgebracht hatten. Er drohte mir mit der Polizei, ich rief ihm noch schnell zu, dass er ein Arschloch sei. Nun legte ich einen höheren Gang ein und machte mich ganz eilig von seinem Grundstück. Ich hielt erst an der nächsten Kneipe. Gottseidank hielt sich mein Kobold zurück und der Schweinehund kam nicht in Aktion, denn sonst hätte ich mich mit dem Holländer – Tankwart – Elines Vater geprügelt. Mir war danach, ich war sehr erregt und wütend.

Die Schenke war genau das Richtige, um mich innerlich abzukühlen. Das erste Heineken war fantastisch und beim Zweiten war wieder alles in Ordnung. Bei den Matjes, die ich hinterher schob, waren selbst die Holländer in Ordnung. Ich war nicht nachtragend. Was konnten diese Leute dafür, dass einer ein Arschloch war. Doch vorbeugend bestellte ich auf Englisch und auch die Konversation mit meinem Nachbarn führte ich auf Englisch. Doch der erkannte sofort, dass ich Deutscher war, und bestand darauf, mit mir Deutsch zu sprechen. Mir war es recht, nur hatte ich doch etwas Angst. Würde es wieder zu einer bösen Szene kommen, wenn andere mitbekämen, wo ich herkam? Diese Angst nahm mir mein Nachbar und wir unterhielten uns sehr nett und sprachen von meinen Reisen und den armen Völkern in Asien. Von meinem soeben Erlebten erzählte ich nichts.

Mein Nachbar stellte sich mit Simon Goldmann vor und ich wusste, dass er jüdischen Glaubens war, was mich wiederum sehr vorsichtig machte. Er wollte wissen, was ich vorhatte. Also erzählte ich ihm, dass ich hier Pech gehabt, und meinen Bekannten nicht angetroffen hätte, und nun nach Amsterdam zurück müsse. Das traf sich gut, denn wie sich heraus stellte, musste er auch nach Amsterdam. So bot er mir an, mich mitzunehmen. Fantastisch, so sparte ich mir das Taxi. Ich orderte die nächste Runde Drinks als Ausgleich. Mein neuer Bekannter fuhr ein BMW Coupé und meinte, dass seine Frau die besten Waffeln in Holland backen würde. Die müsse ich unbedingt probieren. Also gab es Waffeln bis zum Abwinken. Danach fuhr mich der nette holländische Jude auch noch zu meinem Seemannsheim.

Dies ist wieder ein BLICK IN MEIN BUCH:

Veröffentlicht von jstollin

Steht alles in meinem Buch: http://www.amazon.de/Mein-Traum-frei-sein-Geschichten/dp/1482708205

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