Das Große Geld und eine Reise in die Freiheit?

Das Große Geld und eine Reise in die Freiheit

Hier wieder ein „Blick in mein Buch“

Vor der grpßen Reise.

Mit diesem Mercedes 230er Model ging die Reise im Jahr 1969 nach Ceylon!

….da erschien mein Kobold mal wieder und wollte nicht nur in eine andere Stadt ziehen, sondern gleich in ein anderes Land. Also sagte ich meinen Lieben, dass wir Deutschland verlassen würden. Große Augen. Viele Fragen. Und ich gab bekannt, dass wir nach Ceylon fahren würden. Das Wort „fahren“ sorgte für Irritationen. Jawohl, ich würde ein Auto kaufen und damit würden wir nach Ceylon fahren. Dort würden wir neu anfangen, das Auto verkaufen oder auch behalten, das käme darauf an, welche Art von Arbeit oder welches Geschäft ich machen würde.

Also kaufte ich einen gebrauchten weißen Mercedes 230 mit Klimaanlage und ließ ihn in einer kompetenten Werkstatt auf Herz und Nieren überprüfen. Auf Drängen der Schwiegermutter sollten wir noch zuvor nach Lourdes in Frankreich fahren, damit sie sich ihren Segen holen konnte. Für mich war das eine Prüfung für mein Auto. Aber das Auto machte die Reise ohne Probleme.

Dafür hatte die Schwiegermutter welche; sie musste sich einige Male übergeben. Schuld wären meine Fahrweise und die Kurven, meinte sie.

Wieder in Offenbach machten wir uns reisefertig. Einem Kumpel, den ich vom Taxifahren her kannte, erzählte ich von meinem Vorhaben. Zuerst sagte er, ich sei übergeschnappt, doch dann wollte er mitfahren. Also hatte ich einen Beifahrer und wir konnten uns mit dem Fahren abwechseln. Die Pässe wurden gemacht und ein „Carnet de Passage“ beim Automobilklub beantragt. Dieses Dokument garantierte, dass das Auto aus einem Land nach der Einfuhr auch wieder ausgeführt werden dürfte, es sich also um eine „vorübergehende zollfreie Einfuhr“ handelte.

Meine Frau konnte sich nicht verkneifen zu erklären, dass sie überglücklich sei, aus Deutschland wegzuziehen. Denn Deutschland sei sowieso „nix gutes Land, immer viel Ärger mit Ausländerpolizei, mit Arbeitsamt. Sozialamt auch nicht gut, gibt schlechte Wohnung und in Straßenbahn und Supermarkt Leute immer so böse gucken.“

Diese Probleme kannte in Ceylon niemand. Denn es gab weder ein Arbeitsamt, noch ein Sozialamt, wo man unfreundlich empfangen werden würde. Eine Straßenbahn gab es auch nicht, man fuhr Taxi und der Polizei gab man einige Rupien und konnte dann machen, was man wollte. Und „Leute immer froh und lachen, auch wenn nicht so viel Geld haben wie Deutsche. Ceylon Paradies!“ Damit konnte sie Recht haben.

Auf die Frage, warum sie damals mit mir nach Deutschland gegangen sei, antwortete sie, dass sie damals dumm gewesen ist. Ich dachte anders darüber: Sie war einfach berechnend und hatte mich nur für die Reise in den „goldenen Westen“ benutzt. Sie wiederum warf mir vor, sie hätte wegen mir die Chance verpasst, Salim mit dem Edelsteingeschäft zu heiraten. Arme Irre – wusste ich doch, dass Salims Familie nie eine „Nicht-Muslimin“ akzeptiert hätte.

Hätte Chitra mich mal gefragt, warum ich sie mit nach Deutschland genommen hatte, ich hätte ihr geantwortet, dass ich sie geliebt habe und immer noch liebte. Der arme Irre war wohl ich…

Irrsinnig war ja auch die Idee, zusammen mit der zweiundsechzigjährigen Schwiegermutter meiner Frau, unserer zweijährigen Tochter und meinem Kumpel Dieter in einem Auto von Offenbach nach Colombo zu fahren.

Die Vorbereitungen liefen, ich kaufte Reiseschecks, versteckte eine gewisse Summe des Bargeldes im Auto, den Rest in der Tasche, bepackte den Mercedes und die Fahrt begann. Einen Nachmieter für die Wohnung hatte ich gefunden, dem ich nun die Schlüssel übergab. Es gab kein Zurück mehr. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, was auf mich zukam, wäre ich keinen Meter in Richtung Ceylon gefahren.

Mein Freund Dieter hatte die Befürchtung, dass der Mercedes diese Tour nicht aushalten würde. Ich beruhigte ihn und erklärte, dass ich genug Geld hätte, um eventuell mit dem Flieger weiterzukommen. Vielmehr Angst hatte ich um meine kleine Tochter, denn bei der kleinsten Erkrankung hätte ich mein Vorhaben abbrechen müssen und wäre zurück nach Deutschland geflogen.

Von meinen Eltern konnte ich mich erst in Österreich, am Mondsee verabschieden. Sie waren mit unserer älteren Tochter dorthin in den Urlaub gefahren. Da es kein größerer Umweg war, besuchten wir sie und die Überraschung war groß. Erstaunt, uns mit meinem Freund und der Schwiegermutter zu sehen, dachte meine Mutter, es sei ein Scherz, dass wir nach Ceylon fahren wollten. Doch bei meinem zweiten Überzeugungsversuch merkte sie, dass ich es ernst meinte. Aus Erfahrung wusste sie, dass ich bereits schon viele scheinbar unmögliche Dinge in die Tat umgesetzt hatte.

Irgendwie waren Vater und Mutter froh, dass Chitra und ihre Mutter in das Land zogen, in dem der Pfeffer wächst. Vater nahm mich beiseite und sagte, dass es wohl für alle das Beste sei. Mutter befürchtete nur, dass ihr die Kleine fehlen würde. Auch machte sie sich Sorgen wegen dieser langen Reise und fragte, ob mir klar wäre, welche Verantwortung ich mir aufgebürdet hatte? Beruhigen konnte ich sie nicht, aber ich versprach ihr, dass ich sehr umsichtig sein würde. Dem allen machte ich ein Ende, indem ich zum Aufbruch drängte.

Wir fuhren weiter. Da ich die Strecke sehr gut kannte, kamen wir zügig voran. Bis Istanbul hielten wir es im Auto aus, doch dort gönnten wir uns ein kleines Hotel am Sultan-Achmed-Platz, was uns allen sehr gut tat. Auch besichtigten wir die berühmte Hagia Sophia, die Moschee, die einst eine christliche Kathedrale war. Danach war ein richtig gutes türkisches Essen angesagt und nichts wie ins Bett. Sofort war ich eingeschlafen.

Die Überraschung kam am nächsten Morgen mit der Entdeckung, dass mein Mercedes auf Ziegelsteinen aufgebockt war. Zweimal musste ich hinsehen, bevor ich es glauben konnte. Wir hatten verhältnismäßig viele Sachen im Auto gelassen. Doch es war nicht aufgebrochen worden, es fehlten „nur“ die Räder.

Natürlich wusste das Hotelpersonal nichts, keiner hatte auch nur das kleinste Geräusch gehört und auch nichts gesehen. Jemand hatte mir vom Mercedes die Reifen abmontiert, ohne dass es bemerkt worden war, das war kaum zu glauben!

Ein Junge kam von der anderen Straßenseite zu uns herüber und meinte, dass er wüsste, wo ich solche Räder kaufen könnte. Der Kleine sprach sogar etwas Deutsch und gab mir zu verstehen ihm zu folgen. Er lotste mich durch einige Gassen und zeigte mir eine Autowerkstatt. Dann verschwand er so leise, wie er gekommen war. Der Türke, wohl der Besitzer der Werkstatt, zeigte auf einen Stapel von vier Reifen mit Alu-Felgen. Diese Räder sahen nicht nur aus wie meine, es waren meine! Das sah ich sofort. Ich machte den Fehler und sagte laut, was mir aufgefallen war. Jetzt wurde der Besitzer laut und regte sich auf, dass ich ihn womöglich für einen Dieb halten würde. Diese Reifen seien sein Eigentum und er würde sie mir für fünfzig Dollar das Stück verkaufen. Ich sollte ihm zweihundert geben und er würde die Reifen zum Hotel bringen und sie auch für fünf Dollar das Stück montieren. Falls ich aber nur Ärger machen wollte, würde er sofort die Polizei rufen. Die nächste Station sei gerade um die Ecke und sein Bruder sei dort der Chef. Woher wusste der Typ, in welchem Hotel ich war?

Ich hatte ihn verstanden und wir einigten uns, dass ich für die Räder zweihundert Dollar bezahlen würde, wenn er diese gratis wieder montierte.

Sein Englisch war nicht so gut, dass er verstanden hätte, dass ich „wieder“ gesagt hatte. Er meinte, er sei großzügig, da er auf das Montagegeld verzichtet hatte.

Wir alle waren froh, als wir auf der Fähre waren und über den Bosporus zur anderen Seite fuhren. Das erste Stück der Straße kannte ich noch, doch dann mussten wir die Straße nach Ankara nehmen. Wir waren nun offiziell in Asien. Man konnte sich streiten, aber für mich war es noch der Orient. Man nannte es auch Vorderasien oder Kleinasien – für mich hatte das alles nichts mit Asien zu tun. Asien begann für mich erst viel weiter im Osten. Und dann kommt Zentralasien. Dann gibt es noch den Begriff „Ostasien“. Zu Ostasien sagte man auch Fernost. Na was soll‘s, wir waren in der Türkei.

Man konnte zwei verschiedene Routen nehmen, einmal über Samsun am Schwarzen Meer und dann nach Trabzon und Erzrum. Oder die etwas abenteuerlichere Strecke, direkt durch das Gebirge nach Siva und Erzrum. Ich schlug die kürzere Route vor.

Im Allgemeinen braucht man ein Einreisevisum für fast jedes Land, außer, für jene Länder, die ein Abkommen haben, dass sie ohne Visum bereist werden zu dürfen. Nach Auskunft meines Automobilklubs brauchten Deutsche keine Visa für Persien. Meine Frau wusste, dass Ceylonesen auch keine Visa brauchten, da die Perser wichtige Partner im Teehandel waren.

Ohne uns in Ankara aufzuhalten, fuhren wir direkt zur persischen Grenze. In Erzrum und in Siva hatten wir in Hotels übernachtet und wieder leckere türkische Speisen gegessen. Die Hotels waren hier alle „Otels“, denn die Türken würden kein „H“ kennen, sagte man mir.

Die Osttürkei war eine total andere Türkei. Die Menschen hier waren arm, aber sehr herzlich und freundlich. Bei unseren Tee-Stopps durften wir nie bezahlen. Irgendjemand hatte immer schon unseren Tee bezahlt.

Kurz nach Erzrum beklagte sich Schwiegermutter über Schmerzen im Rücken.

Das kam wohl von der schlechten Straße. Es würde bestimmt nach einer größeren Pause, die ich in Teheran machen wollte, vergehen. Doch das größere Übel kam mit der Feststellung, dass meine Tochter Durchfall und Fieber hatte. Nachdem ich dies erfahren hatte, wollte ich, so schnell wie es nur ging, nach Teheran, weil ich wusste, dass es im Land des Schahs von Persien sehr gute Krankenhäuser gab. Denn hier, kurz vor der Grenze einen Arzt zu finden, war sehr unwahrscheinlich.

Wir waren durch Dogubayazit, dem letzten Städtchen in der Türkei, gefahren. Vor uns der Wegweiser, der die persische Stadt Macu anzeigte. Zumindest hatten wir die Löcherstraße der Osttürkei überstanden. Wenn auch die Menschen sehr einfach, aber doch herzlich waren, so war ich froh, dass wir es hinter uns hatten. Wir würden spätestens morgen in Teheran zu einem Arzt kommen.

Doch die Enttäuschung war groß und der kleine Teufel auf meiner linken Schulter lachte sich kaputt. Es war eine zerschmetternde Niederlage, alle Hoffnung auf einen Arzt war dahin: Ceylonesen mussten Visa haben!!!

Was das bedeutete, war mir sofort bewusst: Zurück nach Ankara, um Visa für Frau und Mutter zu besorgen. Ich hätte Chitra in diesem Moment umbringen können, doch dadurch wäre nur noch mehr Schaden entstanden. In Anatolien wollte ich nicht in den Knast, also schrie ich meine liebe Frau einfach nur an. Doch sofort wechselte ich meine erregte Stimme, als ich sah, wie sie heulte und schluchzte, nahm sie in den Arm und tröstete sie. Ja, ich liebte sie immer noch!

Es ging zurück nach Dogubayazit und dort suchten wir ein Hotel. Der Hotelmanager wusste einen Arzt, der sofort kam und seine Diagnosen für Schwiegermutter und meine Tochter stellte. Die Schwiegermutter, deren Name übrigens Nancy war, bekam ein Pülverchen und die Schmerzen verflogen. Der Doktor meinte, dass das Unwohlsein nur vom langen Sitzen käme. In Zukunft sollten wir mehr Stopps und ein wenig Gymnastik machen.

Doch mein Töchterchen hatte eine Darminfektion und das war nicht so leichtfertig hinzunehmen, daher kam auch das Fieber. Doch auch hier hatte der Doktor ein Rezept. Diese Medizin musste unter seiner Aufsicht verabreicht werden.

Mein Plan stand fest: Nancy wurde dazu verdonnert, bei meiner Tochter zu bleiben, auf sie aufpassen und dem Arzt den nötigen Zutritt zum Hotelzimmer zu gewähren. Chitra, Dieter und ich würden uns sofort auf den Weg machen und mit Mutters Pass nach Ankara fahren. Dort könnten wir vielleicht schon morgen die Visa machen lassen.

Also waren wir auf einer Nachtfahrt nach Ankara unterwegs. Wer sich an die Straßenverhältnisse in der Osttürkei im Jahre 1969 erinnern kann, der weiß, was für ein Unternehmen diese Nachtfahrt war. Natürlich erreichten wir die Botschaft erst am Nachmittag, trotz zügigen Fahrens. Das Wort „schnell“ wäre übertrieben, „zügig“ traf es eher.

Schon sehr früh am nächsten Tag standen wir vor der persischen Botschaft. Chitra bekam ihr Visum noch nicht – zuerst mussten zwei Passbilder von einem ambulanten Fotolabor, direkt vor der Botschaft, gemacht und dem Beamten ausgehändigt werden. Dieser versprach, dass das Visum am nächsten Morgen abholbereit sein würde.

Das Visum für die Schwiegermutter bekamen wir nicht. Nancy musste persönlich anwesend sein. Auch wenn wir die Fotos von ihr dabei hatten – es nützte nichts. Das hieß erst einmal bis zum nächsten Tag warten, dann zurück nach Dogubayazit und mit Nancy wieder hierher zurück. Ein Scheiß-Spiel war das, nur weil ich meiner Frau ihren Blödsinn vom  Exportschlager Tee für Persien geglaubt hatte. Nie wieder würde ich irgendetwas blind glauben.

Ich weiß doch: Glauben heißt nichts wissen! Und sie wusste wirklich nichts! Aller Ärger half nichts, wir mussten zurück nach Dogubayazit.

Am nächsten Tag war die Botschaft geschlossen, weil ein Feiertag war. Ich kochte vor Wut. Am übernächsten Tag, noch geladen vor Empörung, palaverte ich mit dem Passbeamten und nannte ihn einen „Fucker“. Doch dieser Beamte verstand Englisch und verlangte meinen Pass, den ich ihm jedoch nicht gab. Ich verließ lieber ganz, ganz schnell das Botschaftsgebäude. Glücklicherweise hatte Chitra schon ihren Pass. Ich wusste, wenn ich ihm meinen Pass gegeben hätte, wäre ein Stempel mit dem Vermerk: Einreise nicht erlaubt, da „Persona non grata“ drin. Damit wäre eine Durchreise durch Persien nicht möglich gewesen.

Zurück im Hotel war die Sachlage schon wesentlich besser und Schwiegermutter war wieder voll einsatzbereit. Auch meine Tochter war soweit fit. Der Arzt war ein Genie, das sagte ich ihm, doch er wehrte ab und meinte, dass hier jedes zweite Kind irgendwann diese Symptome bekäme und er sich deswegen so gut auskennen würde. Er war einfach sehr bescheiden, auch sein Honorar war es. Doch ich gab ihm das Doppelte vom Verlangten.

Großmutter, Mutter und Kind, Dieter und ich machten uns jetzt gemeinsam auf den Weg nach Ankara, um Nancys Papiere zu erstellen zu lasen. Doch dieses Mal ließen wir uns mehr Zeit und hetzten nicht so.

In Ankara hatten wir dann noch mehr Zeit, denn wir erwischten den letzten Tag vom Ramadan, dem Fastenmonat der Moslems. Da es ein Mittwoch war, hatte die Botschaft geschlossen – so auch am nächsten und übernächsten Tag. Erst am Sonntag konnten wir unseren Botschaftsbesuch erledigen.

Das war wieder ein Tag voller Überraschungen. Wir kannten den Rhythmus schon. An einem Tag Papiere abgeben, am nächsten Tag das Visum bekommen. Diesmal war ich ganz vorsichtig, überprüfte die Lage erst einmal und sah zum Glück einen anderen Beamten, als den vom Vortag. Zuversichtlich ging ich mit Chitra in das Büro. Dieser Beamte war die Freundlichkeit in Person und entschuldigte sich dafür, dass wir wegen des Festes so lange hatten warten müssen. Wir sagten ihm, dass wir vor einigen Tagen schon einmal hier gewesen seien, aber der Kollege hätte uns weggeschickt, weil Nancy nicht dabei war. Wir erzählten ihm die ganze Geschichte und am Schluss sagte er uns, dass es nicht nötig sei, dass die Person, die ein Visum beantrage auch persönlich anwesend sein müsse. Viele schickten den Pass durch eine andere Person und bekämen doch das Visum. Wichtig sei nur, dass die Passbilder dabei seien und der Abholer unterschreibe, dass er den fremden Pass erhalten habe. Vorige Woche hätte ein Kollege ihn vertreten und die Büroarbeiten gemacht. Er wusste es vielleicht nicht besser, meinte der Beamte. War das zu glauben?

Wie der Teufel es so wollte, kam in diesem Moment der besagte Kollege vom letzten Mal aus einem Büro. Er sah mich und fing sofort an zu gestikulieren und schrie irgendetwas auf Persisch. Das wiederum brachte noch mehr Leute auf die Gänge und auch zwei Soldaten, wohl vom Wachpersonal. Diese Soldaten kamen leider aus der Richtung, in die ich mich zurückziehen wollte, so saß ich in der Falle.

Im Büro eines ranghöheren Beamten musste ich mich ausweisen und somit war ich meinen Reisepass erst einmal los. Und genau das passierte, was ich vermeiden wollte: der Stempel „Persona non grata“ prangte in meinem Pass! Iran ade, ich durfte gehen. Nun war guter Rat teuer und diesen Rat holte ich mir bei der deutschen Botschaft.

Man hätte sich im Ausland korrekt zu benehmen, dann käme man nicht in eine solche Lage, wurde ich belehrt. Auch sagte man mir, dass man nur einen neuen Reisepass bekäme, wenn dieser voll wäre, sodass keine Sichtvermerke mehr eingestempelt werden könnten – oder man hätte den Pass verloren. Das aber würde nur zu einem Heimreise-Dokument reichen, einem Passersatz. Zum Beispiel könnte passieren, dass ein Kleinkind seinen Schokoladentrunk verschüttet hätte und der Pass zufällig und unglücklicherweise dadurch schmutzig und nass geworden wäre.

Der Beamte sah lange meine Tochter an und nickte mir zu. Ich hatte verstanden, bedankte mich und wir verließen die Botschaft.

Schon am nächsten Morgen war ich der Erste in der Warteschlange vor der Deutschen Botschaft in Ankara. Mein Pass hatte einen bösen Tintenklecks quer über die erste Seite, wo alle wichtigen Daten und mein Name standen. Dem Beamten erklärte ich, dass ich einen Brief an meine Eltern geschrieben und meinen Füllhalter aufgefüllt hatte. Plötzlich wackelte meine kleine Tochter am Tisch und das Missgeschick war passiert. Mir wäre das sehr peinlich, was man da machen könnte? Der Beamte bat mich, ein Formular mit meinen Daten auszufüllen sowie ein weiteres Formular, wie es zu dem Missgeschick mit dem Ergebnis des unleserlichen Passes gekommen sei. Dann bräuchte er zwei Passbilder und eine Gebühr von umgerechnet zwanzig Mark sei zu bezahlen. Am nächsten Tag sollte ich den neuen, leeren Pass und den alten, ungültigen abholen.

Da wir so viele Tage verloren hatten und ich doch ein bisschen Angst vor der persischen Grenze hatte, da man mir sagte, dass auch ein Schreiben an die Grenzstation in Bazarghan ergangen sei, disponierte ich um. Ich entschloss mich, nach Beirut zu fahren und das Auto zu verschiffen. Also brauchten meine Ceylonesen Visa für die Einreise nach Syrien und in den Libanon. Die ließen wir noch in Ankara erstellen. Von meinen früheren Reisen wusste ich, dass Deutsche keine Visa für diese Länder benötigten.

Die Straße war stellenweise in Ordnung, doch hinter Adana bis zur syrischen Grenze war die Fahrerei eine Qual  – für das Auto und auch für uns. Mir war das bei den vorigen Reisen nicht so aufgefallen.

Die Prozedur an der syrischen Grenze war wie immer, nur etwas teurer. Lag es wohl an dem größeren Auto sowie auch an der Anzahl der Insassen?

In Beirut besuchte ich den Schiffshändler, den ich aus meiner Seefahrtzeit kannte. Die Schiffsagentur „Gargour und Fils“ konnte mir versichern, dass es in den nächsten drei Monaten keine Möglichkeit gab, das Auto nach Ceylon zu verschiffen, auch nicht mit einer anderen Agentur.

So lange wollte ich nicht warten – also keine Flugreise nach Colombo. Dieter wäre von hier zurück nach Deutschland geflogen, aber jetzt wollte er bei uns bleiben und mit uns weiterfahren. Meine Idee war nun, von Beirut nach Damaskus zu fahren und dann in den Irak, um eventuell das Auto von Basrah nach Ceylon verschiffen zu können.

Irgendwie kam mir das alles ein wenig verrückt vor. Ich kriegte das Auto nicht los und weiter kamen wir auch nicht. Wäre bloß dieses „Carnet de Passage“ nicht und auch das Versprechen, das meine Frau einem Verwandten in Ceylon gegeben hatte, dass er einen Mercedes „Sedan“, so nannten sie eine Limousine, bekommen würde und diese schon unterwegs sei! Also musste das Auto unbedingt nach Ceylon, aber wie? Die einzige Möglichkeit sah ich nun darin, nach Basrah zu fahren.

Auf meiner Landkarte war Basrah gar nicht so weit weg. Man bräuchte nur von Beirut über Damaskus, Bagdad und weiter in den südlichen Irak zu fahren, dann wäre man schon in Basrah. Ich baute darauf, dass ich auch dort den Schiffsagenten kannte und er mir bestimmt weiterhelfen würde. Ich wollte unbedingt das Auto loswerden.

In Damaskus erfuhren wir, dass es für Deutsche wegen politischer Diskrepanzen zurzeit keine Visa gäbe. Ceylonesen hätten kein Problem und könnten in den Irak einreisen. Das war wieder so eine Situation zum Aushaken! Ich konnte es nicht glauben. Was war nur los?!

Die Reise hatte ich mir nicht so kompliziert vorgestellt. Dass das Fahren anstrengend werden würde, hatte ich angenommen, aber dass die Visa-Beschaffung so viel Nerven kosten würde, das hätte ich nicht gedacht.

Es hieß also, von Damaskus zurück nach Dogubayazit und dann hoffen, dass die Perser meine Angelegenheit als unwichtig abgetan hatten und ich bei der Einreise keine Schwierigkeiten haben würde. Ein Visum für den Iran hatten meine Damen Gott sei Dank schon. Nun hoffte ich, dass es dabei geblieben wäre, dass Deutsche keines brauchten.

Nach Ankara zurück war ein zu großer Umweg. So nahm ich an, dass es schneller gehen würde, wenn ich den Weg über Aleppo in die Türkei fahren würde, dann nach Malatya am Van-See vorbei und irgendwie auf die Strecke Erzrum – Dogubayazit.

Wenn ich in meinem Leben noch nie eine schlechte Straße gesehen hätte, hier konnte ich drei volle Tage das Erlebnis „schlechte Straße“ voll genießen. Doch irgendwie schafften wir das Unmögliche und kamen nach Dogubayazit. Kein PKW, außer unserem Mercedes, vielleicht ein Jeep, hätte diese Strecke fahren können. Doch mit dem Beiseiteräumen des vielen Gerölls und dem Aussteigen aller Fahrgäste, plus eines dreimaligen Reifenwechsels überwanden wir auch diese Strecke. Da ich nur einen Ersatzreifen dabei hatte, war der zweite Plattfuß etwas problematischer. Doch mit Hilfe türkischer Truckfahrer, die den kaputten Reifen vor Ort wieder flickten und montierten, war es nur eine Sache der Zeit und der Geduld. Ohne die mehrmalige Hilfe der Lastwagenfahrer hätten wir das Auto irgendwo stehen lassen und per Autostopp weiterfahren müssen.

Als wir das letzte Mal in Dogubayazit waren, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich dieses Städtchen noch einmal wiedersehen würde. Doch nun waren wir sehr froh, denn die letzten drei Tage waren sehr schlimm für uns alle gewesen und hier kam es uns richtig zivilisiert vor. Obwohl diese Gegend bereits am Limit lag. Nach einer Erholungspause von einer Nacht musste ich meinen Mut zusammennehmen und zur persischen Grenze fahren.

An der Grenze vermied ich jedes unnötige Aufsehen, machte mich weitestgehend unsichtbar und wartete ganz geduldig an meinem Auto, bis alle Formalitäten erledigt waren.

Dann, hinter dem Schlagbaum, ließ ich einen Aufschrei der Erleichterung los. Bis Macu fuhren wir noch, dann war für zwei Tage eine Ruhezeit für Auto und Passagiere angesagt.

Veröffentlicht von jstollin

Steht alles in meinem Buch: http://www.amazon.de/Mein-Traum-frei-sein-Geschichten/dp/1482708205

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