Die Lehrjahre,keine Herrenjahre…

Die Lehrjahre

Der Konditor

Die Lehrzeit in Marburg/Lahn

Die Elisabeth Kirche

Ich hatte Angst, niemals am Ziel anzukommen. Selbst der O-Bus in Marburg machte mir Angst und immer wieder musste ich mich durchfragen. Doch endlich gegen 16 Uhr, nach achtstündiger Reise, bin ich in der Konditorei angekommen! Mir wurde ein Zimmer unter dem Dach zugewiesen und ich bekam meine Arbeitsuniform sowie Verpflegung für die ganze Woche. Margarine im Becher, vier gekochte Eier, eine Dose Hering in Tomatensoße, eine Schachtel Dreiecks-Käse – streichfähig, eine kleine Salami, ein Päckchen gekochten Schinken und ein Laib Brot, dazu Blechteller, Messer, Tasse und Löffel. Das war also die Wochenration fürs Abendessen. Heißes Wasser für die Teezubereitung und den Tee gab es jeweils abends nach Arbeitsschluss.

Ich merkte sofort, dass ich nicht im Paradies gelandet war.

Am nächsten Tag musste ich mich um 7 Uhr in der Backstube melden. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, dieser schlaue Spruch würde mich nun die nächsten drei Jahre begleiten, da war ich mir sicher.

Für meine vierzehneinhalb Jahre durfte ich auch gleich allerhand Aufgaben erledigen. Da auch eine Bäckerei an die Konditorei angeschlossen und kein Bäckerlehrling vorhanden war, wurden mir auch diese Arbeiten anvertraut.

Das sah dann so aus: Schon um 6 Uhr musste ich in der Bäckerei sein, um die Brötchen, abgepackt in Tüten, in einem Weidenkorb auf dem Rücken per Fahrrad in Marburg-Süd auszuteilen. Gegen 8 Uhr war ich zurück und in der Konditorei tätig. Um 10 Uhr bekam ich einen Tragekorb mit Henkel, gefüllt mit Backwaren vom Vortag.

Dieses Mal führte der Weg nach gegenüber in das große Amtsgebäude. Dort verkaufte ich die Vortags-Backwaren für weniger Geld als im Laden an die Büroangestellten.

Dies dauerte eine Stunde und bis mittags durfte ich dann wieder in der Backstube arbeiten. Meine Kolleginnen und Kollegen waren sehr nett zu mir, denn ich war ja noch so jung und so weit von zu Hause weg.

Das Team bestand aus drei Konditoren, drei Bäckergesellen,drei Café-Bedienungen, zwei Verkäuferinnen und einem weiblichen Verkaufslehrling in meinem Alter. Zum Mittagessen saßen wir, soweit es ging, alle zusammen und waren mit Meister und Meisterin eine große Familie.

Hin und wieder musste jemand seinen Teller stehen lassen, um in der Backstube oder im Laden etwas zu erledigen.

Es gab fast täglich irgendein Essen, das in einem großen, schwarzen, eisernen Bräter Platz hatte und im Backofen gegart wurde. Plunderteilchen, Zimtschnecken, Hefeteilchen und alles, was die Büroangestellten im Amt nicht haben wollten wanderten in den Bräter. Manche dieser Gebäckteilchen waren nun schon drei Tage alt. Es kamen Amerikaner, dänische Plunder, Baseler Leckerli, französische Petit-Fours, oberhessische Eierwecken und sogar Weißbrot hinein.

 

Ich durfte einige Eier mit Milch verquirlen und über all diese zerbröckelten Süßigkeiten gießen. Auch durfte ich die Vanillesoße kochen und auf den Tisch stellen.

Der Meister spendierte ab und zu ein Glas von selbst gepflückten und eingemachten Früchten.

Am Anfang fand ich unser Essen sehr gut, doch nach einem Monat wollte und konnte ich keinen „Armen Ritter“ oder „Kirschenmichel“, wie auch immer diese Speisen hießen, nicht mehr sehen – geschweige denn essen.

War etwas von diesem leckeren Essen übrig geblieben, so kam es in den Kühlschrank und am nächsten Tag gab es dann „Kalten Hund“- so taufte unser Lehrmeister dann diese Speise.

Einmal pro Woche brachte unser Nachbar, ein Metzger, seine Formen mit Leberkäse zum Backen mit. Da war immer eine Form für uns dabei, was für ein Fest!

Frische Brötchen, dazu eine dicke Scheibe heißer Leberkäse! Mit den frischen Brötchen musste man aber aufpassen, es war uns verboten welche zu nehmen, nur die vom Tag davor waren für uns erlaubt. Einmal hatte mich der Meister erwischt, wie ich ein gerade aus dem Ofen gekommendes Plunderhörnchen in meine Schürze gesteckt hatte, um es auf der Toilette zu essen.

 

Es gab einen großen Krach und von da an war ich ein Dieb, zumindest in Meisters Augen. Auch achtete der Meister immer darauf, dass die Gebäckstücke so auf dem Blech oder Gitter in Reihe und Glied lagen, dass man sofort sehen konnte, wie viele es waren. Immer waren 4 mal 5 oder 9 mal 6 oder 7 mal 8 Stück auf dem Blech.

Mit einem Blick konnte er dann sehen, ob da eine Lücke war und ein Stück fehlte.

Im Herbst wurde jeder, der nicht unbedingt im Laden gebraucht wurde, in den großen Garten am Südbahnhof zum Früchtepflücken geschickt. Ich war bei jeder Aktion dabei, die nach Feierabend passierte, weil ich ja im Haus wohnte und niemand auf mich wartete.

Nach dem Pflaumenpflücken kam dann das Kochen von Pflaumenmus und auch das war meine Aufgabe. Mein Meister hatte sich einen schönen Spruch einfallen lassen, den er dann anwandte: „Du musst das nicht machen, aber wenn du etwas lernen willst, kann ich dir nur empfehlen da zu bleiben und die Sachen zu machen.“ Natürlich wollte ich lernen und meine Gesellenprüfung schaffen, also blieb ich und hielt meine Schnauze.

Da ich das Privileg hatte im Haus zu wohnen, durfte ich auch sonntags mit meinem Meister zusammen die Sahnetorten, die frischen Obsttorten, die Schnittchen, die Sahnekäsetorten und vieles mehr herstellen. Selbstverständlich war das freiwillig. Zu meinen Aufgaben gehörte auch, dass ich sonntags abends um 22 Uhr den großen Backofen anheizen durfte, besser gesagt, musste. Musste!

Wenn die Bäcker morgens um 3 Uhr kamen, hatte der Ofen die richtige Temperatur. Vergessen wir auch nicht, dass der Ofen mit Kohle-Briketts geheizt wurde. Und alle zwei Monate kam ein riesiger Laster mit diesen Briketts, die ich in den Keller schaffen „durfte“. Alles war von meinem Meister gut organisiert. Denn pünktlich um 6 Uhr morgens stand ja schon wieder meine Brötchentour mit frischen, heißen Brötchen oder Semmeln, wie andere sagen, auf der Agenda.

Von meinem Zimmer aus, das unter dem Dach lag, konnte ich durch die kleine Fensterluke das Marburger Schloss sehen. An meinem freien Tag, es konnte irgendein Wochentag oder sehr selten sogar ein Sonntag sein, wanderte ich oft zu dem Schloss. Und auf dem Rückweg gönnte ich mir in der Milchbar am Rudolfplatz einen Milchshake, so auch an diesem Tag.

Vom Schloss aus hatte man einen einmaligen Blick auf Marburg, die Elisabethkirche und bis hin zum Bahnhof. Marburg war nicht nur Universitätsstadt, sondern auch eine Garnisonsstadt. So prägten junge Leute, Studenten, Soldaten oder Handwerker wie ich, das Stadtbild. Sie waren überall zu sehen, so auch in der Milchbar, deshalb zog es mich immer wieder dorthin. Mit meinem kleinen Lehrlingslohn von gerade einmal 12 DM im Monat musste ich sehr vorsichtig umgehen. Doch für einen Milchshake, manchmal sogar mit etwas Alkohol verfeinert, konnte ich 1,20 DM ausgeben.

Da ich nicht rauchte, nicht trank und auch sonst kein Laster hatte, mich auch nicht um ein Zimmer oder Essen zu sorgen brauchte, kam ich gut zurecht.

Eine Gruppe junger Mädchen, Holländerinnen, waren auf einer kleinen Deutschlandreise. Ich kam mit einem Mädel ins Gespräch und war erstaunt, wie gut sie Deutsch sprach. Auch Englisch würde sie sprechen, sagte sie mir. Wir verstanden uns sofort. Nicht nur sprachlich, nein – da war noch etwas – es war eine Sprache, die nur Herzen verstehen. Plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals und fing an zu stottern. Sie lachte und fragte, ob sie mich nervös machen würde. Ich bejahte und sie meinte dann, dass ich der netteste Junge sei, den sie kennen würde und sie hätte nichts dagegen, dass wir Freunde würden. Wir verabredeten uns am nächsten Tag gegen 15 Uhr vor dem Schloss, direkt unter dem Eingang des Torbogens. Ich vergaß, dass ich doch eigentlich arbeiten müsste.

Ich war verliebt und wollte Elane, so hieß die Holländerin, unbedingt wiedersehen. Ich musste sie noch einmal sehen und ihr sagen, dass wir uns schreiben und wiedersehen müssten, egal ob in Holland oder hier in Deutschland.

Am nächsten Tag erfand ich ab Mittag die heftigsten, schlimmsten Zahnschmerzen, die jemals ein Mensch haben konnte. Mein Gejammer wurde von meinem Meister erhört und ich war pünktlich um 15 Uhr unter dem Torbogen und wartete auf Elane.

Da ich das Schloss schon kannte, war ich ein guter Führer. Auch kannte ich die dunklen Ecken, in die ich sie dann führte und wir küssten uns.

Ich war fürchterlich aufgeregt! Ich weiß nicht genau, ob es wegen Elane oder wegen des erschwindelten Nachmittags war.

Ich war fünfzehn und Elane sagte, sie sei schon sechzehn. Ich glaubte ihr, denn sie brachte mir das Küssen bei.

Doch der Nachmittag verging und sie musste zurück zu ihrer Gruppe und ich in meine Backstube. Wir hatten unsere Adressen ausgetauscht und gelobten uns zu schreiben.

In Wormerveer bei Amsterdam war Elane zu Hause und ich versprach ihr, sie zu besuchen.

Das Datum ließ ich offen. Wir schrieben uns Postkarten und Briefe. Einmal schickte ich ihr ein Päckchen mit einem Mecki, einem Maskottchen, welches gerade „IN“ war und sie liebte diesen kleinen Igel.

 

Mich kostete es fast ein Monatsgehalt, aber was tut man nicht alles, wenn man verliebt ist.

Doch ich war ein schreibfauler Scheißkerl und beantwortete ihre Post nicht. Und somit kamen immer seltener Briefe aus Holland, bis eines Tages überhaupt keine Nachricht mehr kam.

Ich war nicht einmal traurig darüber und merkte das erste Mal im Leben: Aus den Augen ist aus dem Sinn!

Ich hatte mich dann mit der Verkaufs-Auszubildenden eingelassen und gab mein Wissen an Kuss-Technik an sie weiter. Manchmal übertrieb ich es, denn wenn sie etwas aus dem Lager holen sollte, schlich ich mich rein und wir rangelten uns auf den Mehlsäcken, küssten und befummelten uns.

Sex hatten wir nicht, aber ihr schwarzer Rock war vom Mehlstaub weiß und es gab Ärger.

Um Scherereien zu vermeiden, nahm ich mir vor, in Zukunft nichts mit Kolleginnen anzufangen.

Und? War deine Einführung ins Berufsleben auch so gelaufen?….doch es kam noch Heftiger…lies die Nächste Episode….

Der Autor von „Mein Traum frei zu sein“…………..

Veröffentlicht von jstollin

Steht alles in meinem Buch: http://www.amazon.de/Mein-Traum-frei-sein-Geschichten/dp/1482708205

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