Der Khaiberpass und die Paschtunen

Der Khaiberpass und die Paschtunen


Mein Freund, der Zolloffizier an der indisch-pakistanischen Grenze, wunderte sich nicht schlecht, als er uns
schon wieder sah, dieses Mal mit Auto und auch noch in die
verkehrte Richtung.
Normal kommen die Leute von Europa mit einem
Fahrzeug. Und nicht wie wir von der asiatischen Seite und
ohne, dass wir vorher bei ihm eingereist wären. Doch ein
Blick in die Papiere genügte und er wusste, warum und woher
das Auto kam.
Die Tasse Tee mussten wir mit ihm trinken. Wir waren
schließlich alte Freunde, so sagte er.

Von Dr Mansoor Bokhary – Photo by Dr Mansoor Bokhary, CC SA 1.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=645779


In Peschawar holten wir unser afghanisches Visum und
nun konnten wir zu dem berühmten Khaiberpass fahren. Ich
hatte mir den Pass viel gefährlicher vorgestellt.
Die Strecke von Syrien in die Türkei und dann im Iran an
der irakischen Grenze entlang war schlimmer.
Direkt oben auf dem Gipfel des Passes war ein
Marktplatz oder eher ein kleines Dorf, in dem wir uns etwas
frisches Obst kaufen wollten. Hier war Niemandsland,
dennoch gehörte es zu Pakistan, doch die Paschtunen hatten
ihre eigene Regierung, da hatte Islamabad keinen Einfluss. Die
Bretterregale, ähnlich wie sie Obst- und Gemüsehändler auf
Marktständen haben, waren nicht für diese Farmartikel
gemacht.
Es gab hier eine andere Art von Erzeugnissen, die zum
Verkauf angeboten wurden. Ich war enttäuscht, dass es kein
Obst gab. Aber alles, was man nicht kaufen sollte, gab es hier.
Das Kilo grünen, pakistanischen Hasch gab es für zwanzig
Dollar aufwärts.
Es gab noch nicht verarbeitete Opium-Base, Hanf-Pollen
und noch anderes Verbotenes. Die Paschtunen im
Niemandsland zwischen Pakistan und Afghanistan, oben am
Khaiberpass, wollten mir unbedingt etwas verkaufen. Egal ob
ich Pistolen, Gewehre, Granaten oder auch nur Sprengstoff
haben wollte.
Ich bedankte mich sehr höflich und stieg wieder in
meinen Benz.
Die Leute hier sahen in ihren Halbuniformen mit
umgehängter Kalaschnikow und Patronengurt nicht nur wild
und beängstigend aus, sie waren auch garantiert bereit, ihren
umgehängten Feuerschmuck zu gebrauchen. Nun ging es den
berühmt berüchtigten Khaiberpass abwärts, an den von
Engländern gebauten und nun verlassenen
Militärbefestigungen vorbei und nach Torkham, zum
afghanischen Grenzübergang. Ich musste jetzt wieder auf der
rechten Seite der Straße fahren. Durch Jalalabad, an einem
Flussufer entlang zur Kabul Gorge, das war eine sehr steile, in
den Fels gearbeitete, schmale Straße nach Kabul. Ich dachte
schon, dass dieses „in den Himmel fahren“ nie aufhören
würde. Von Ceylon und durch den ganzen indischen Kontinent
bis hierher war das Wetter sehr mild gewesen. Wir hatten alle
nur Flip-Flops, Shorts und T-Shirts an.
Hier oben in Kabul angekommen wurde es bitterkalt. Ich
war total erschöpft und hundemüde. Wir suchten uns ein
billiges Hotel und waren froh, dass dieses Hotel namens
„Mustafa“ auch italienische Küche anbot. Die Spaghetti
Bolognese waren fantastisch, doch die Tomatensuppe war ein
aus Tomaten, Ketchup, Gewürzen und Wasser aufgekochte,
eine etwas gewöhnungsbedürftige Sondersuppe. Der Raum, in
dem zwei Betten standen, war sehr karg eingerichtet, doch es
war mir egal.
Ich sah nur den in der Mitte des Raumes stehenden
Eisenofen, mit einem langen Ofenrohr, das durchs Fenster
nach draußen ging. Das Feuerholz musste ich mit ein paar
extra Afghani bezahlen. Aber diese Wärme, die der Bollerofen
abgab, war das Geld wert. Ich war mit Spaghetti vollgefressen
und hatte eine Flasche afghanischen Rotwein getrunken. Nun
nahm ich meine kleine Frau mit unter die Decke und schlief
bis zum Morgen durch.
Das Feuer im Eisenofen war wegen versäumter
Nachfütterung ausgegangen, und als ich wach wurde, war ich
froh, dass ich nicht erfroren war. Chitra wollte überhaupt nicht
aufstehen. Schuld sei die Kälte, meinte sie. Die Fenster hätten
Eisblumen, und bis diese nicht weg seien, stünde sie nicht auf.
Ich begab mich in das mollig warme Restaurant und
wollte warten, bis die Sonne die Luft etwas erwärmen würde.
Der Kellner sagte mir, dass es in den letzten Tagen bis zu -20°
C gewesen wäre und man nun auf den Schnee warten würde.
Dann wäre es nicht mehr so kalt.
Nach meinem Frühstück konnte ich erst die ganze Lange
so langsam begreifen. Auch kam mir jetzt der Gedanke, dass
meinem Auto eventuell diese extreme Kälte nicht bekommen
sei. In den letzten Monaten, ja, Jahren war es ohne Frostschutz
gefahren! Vor dem Hotel stand mein 230er Mercedes, und als
ich ihn anlassen wollte, kam er nicht so richtig in die Gänge.
Er wollte nicht anspringen, dann lief er, doch nicht lange und
ich hörte das leise Plätschern von Wasser – auch das noch!
Was ich befürchtet hatte, war eingetroffen. Der
Motorblock hatte einen Riss.
Mein Schicksal, Karma, Glück?
Bestimmung war doch meine Interpretation für das, was
andere Glück nannten. Soll ich es UNglück nennen? Es gibt
kein UNglück, sowie es auch keine UNkosten gibt. Es gibt nur
Kosten. Und solche Kosten würden nun auf mich zukommen.
Es war also unsere Bestimmung, dass wir hier in Kabul in dem
größten Lehmhütten-Dorf der Welt festsaßen.
Wenn du ein Problem hast, gibt es viele nette Leute, die
dir mit Rat und weniger Tat zur Seite stehen, oder im Wege.
So auch hier. Die beste Idee kam vom Hotel-Manager. Es gäbe
da ein Café, es gehöre der Frau des Ex-Bürgermeisters von
Kabul und deren Sohn. Ursprünglich kämen sie aus
Deutschland und sie hätten ein enormes Wissen darüber, wer,
was, wo und überhaupt. Wenn man etwas wissen wolle, wende
man sich an diese Familie.
Das Café war schnell gefunden und die nette Frau
servierte mir einen hervorragenden Apfelstrudel mit heißer
Vanille-Soße. Es war der beste Strudel östlich von Wien, ich
bin mir da ganz sicher. Sie schickte mich zur Chicken Street.
Dort sei ein Lokal, sagte sie, der Besitzer hätte einen Bruder
und dieser Bruder hieß Dahoud und hätte eine Werkstatt.
Dahoud konnte mir wirklich helfen.
Es dauerte nicht lange und vier Afghanen schoben und
zwei zogen mit mir am Lenkrad den Benz durch halb Kabul.
Zu einer Werkstatt mit der Aufschrift „deutsches mekanike un
werkstad auto“ Viel Vertrauen hatte ich bei dem Anblick der
Werkstatt nicht. Was konnte ich tun? Man versprach mir, dass
ich mein Auto in 6 Tagen im Toppzustand wieder abholen
könnte.
Die Stadt Kabul entpuppte sich als doch sehr interessant.
Man muss eine Stadt wie diese einfach so nehmen, wie sie ist.
Man sollte sie oder die Bewohner nicht verändern wollen –
man könnte es auch gar nicht.
Andere Länder – andere Sitten so heißt es doch. Und hier
sind nun einmal andere Sitten. Man soll oder besser muss es
respektieren. Die Einfachheit der Menschen, die Sauberkeit,
die für unseren europäischen Standard zu wünschen übrig
lässt. Die einfachen Lehmhütten, die bis hoch in die
Berghänge gebaut sind, die Tatsache, dass nur Männer auf der
Straße sind, die offenen Metzgerläden, die offenen Kebab- und
Hähnchen-Grillbuden – dies alles war gewöhnungsbedürftig!
Da war aber auch die andere Seite der Afghanen, für mich
gab es kein stolzeres Volk, was ich bis da gesehen hatte und
auch wohl das Genügsamste.
Ein Volk, das mit so wenig auskommt, das so
anspruchslos ist, trotzdem so frohen Herzens lebt und doch so
ernst gläubig und religiös ist. Die Engländer wollten sich das
Land ja auch schon einmal zu ihrer Krone stecken oder
Dschingis Khan. Selbst Alexander der Große scheiterte. Die
Afghanen kann man nicht unterjochen, sie brauchen nicht viel,
aber ihre Unabhängigkeit und die Freiheit werden sie nicht
hergeben, denn das ist das Einzige, das sie haben.
Keiner kann die Afghanen verändern oder gar zum
Umdenken zwingen, obwohl sie nicht einmal einen Nagel
selber herstellen können.


Mich wunderte nur, wie sie zu einem so guten Wein
kommen. Entweder lernten sie von den Italienern oder den
Franzosen, ich werde mich mal schlau machen. Von den
Deutschen hatte der König eine Eisenbahn bekommen und
einige Meter Schienen. Die Lok steht noch vor dem
ehemaligen Palast. Ein schönes Denkmal.
Wir mussten unbedingt auf den Basar, denn wir hatten
keine warmen Sachen zum Anziehen. Für 400 Afghani, ca. 20
DM, kleideten Chitra, Lal – unser momentaner Geldgeber –
und ich uns komplett ein. Von den Schuhen bis zur
winterfesten Kopfbedeckung kauften wir, alles um nicht zu
erfrieren. Wir staunten nicht schlecht, denn fast alle Klamotten
waren aus Deutschland. Es waren sogar deutsche
Polizeiuniformen dabei. Man konnte die gepressten
Kleiderballen sehen und auch noch das Zeichen vom Roten
Kreuz darauf. Ich dachte immer, dass die gesammelten
Altsachen umsonst und nur für arme Leute seien. Ich hatte
ganz vergessen, dass ja alle Afghanen, mit wenigen
Ausnahmen, arm waren. Eine Kleinigkeit sollten sie schon
bezahlen, sonst würden es manche missbrauchen.
Dahoud war ein sehr netter und freundlicher Afghane.
Er organisierte einen Jeep und wir fuhren zu den drei
mineralhaltigen Seen. Dann fuhren wir nach Mazar-i-Sharif
und auch nach Bamiyan, zur wohl größten, von
Menschenhand aus dem Fels gearbeiteten, stehenden
Buddhastatue. Schade, dass die Statue kein Gesicht mehr
hatte. Dahoud erklärte uns, dass im Islam Gott kein Gesicht
hat. Also hatten irgendwelche Religions-Fanatiker der Statue,
wie sie meinten Gott darstellend, das Gesicht entfernt.
Ich glaube, der Sphinx in Ägypten ist das Gleiche
passiert. Aber auch ohne Gesicht war diese Statue ein
gewaltiges Monument. Es ist wirklich ein Drama, dass die
Taliban im Jahr 2001 diese einzigartigen Kunstwerke zerstört
haben.
Auch erzählte mir Dahoud, dass es hier im Lande den
besten Lapislazuli geben würde. Er machte Schachbretter aus
Lapis und weißem Marmor. Die Figuren waren aus Elfenbein
die einen schwarz gefärbt und die anderen naturbelassen.

Ob ich Interesse hätte? Die Größe der Bretter wäre normal und der weiße Marmor und die blauen Lapis-Einlagen wären ein
Kunstwerk.
Dahoud verriet mir auch gleich ein Geheimnis, warum ich
kaufen sollte.
In dem Rahmen vom Brett wäre ein Kilo des guten,
schwarzen, handgepressten, afghanischen Hasch. Durch den
ausgehöhlten Marmor, der mit Shit aufgefüllt war, würde das
spezifische Gewicht wieder stimmen. Er würde viel von seinen
Kunstwerken in die ganze Welt verschicken. Sehr interessant,
aber ich hatte erstens kein Geld, zweitens wollte ich das Zeug
nicht über so viele Grenzen mit mir herumschleppen oder auch
herumfahren, selbst wenn unser Auto wieder in Ordnung
käme. Jetzt wusste ich, warum so viel Freundschaft
herüberkam.
Nein, danke! Ich hatte noch irgendwie Schuldgefühle von
Beirut her, dass ich etwas nicht Korrektes gemacht hatte.
Chitra und Lal konnte es gar nicht schnell genug gehen,
um aus Kabul zu verschwinden. Für sie, die ja nur tropisches
Wetter gewöhnt waren, bedeuteten diese Minusgrade die
Hölle. Sie gingen kaum aus dem Hotel. Ich machte mich auf
zur Werkstatt, aber ohne Dahoud.
Dort traf ich einige Franzosen, die auch einen Mercedes
hatten und mir sagten, dass auch sie eine Inspektion machen
ließen, weil sie darauf Wert legen würden, dass ihr Auto
immer in gutem Zustand sei. Schön für die Leute. Aber wo
war mein Auto? Man beruhigte mich, es wäre nur auf einer
kleinen Probefahrt. Ich sollte morgen früh wieder kommen
und mein Auto abholen. Am nächsten Morgen sah ich meinen
Benz in einem Weiß glänzen, wie ich es eine lange Zeit nicht
gesehen hatte. Er sah aus wie neu. Bravo, gute Jungs. Der Riss
im Motorblock war intelligent repariert.
Einen Motorblock schweißen?
Man konnte hier in Afghanistan Guss schweißen?
Ich war verblüfft.
Der Mechaniker erklärte es mir so: Zuerst wird in den
Riss ein Loch gebohrt, dann wird in das Loch ein Gewinde
gedreht.
Dann wird eine passende Schraube eingedreht und das
nächste Loch gebohrt, aber so, dass die Hälfte von der ersten
Schraube mit angebohrt wird, dann das Gewinde, dann die
Schraube, dann Loch, Gewinde, Schraube, etc. bis eine Naht
entsteht, die abgeschliffen wird. Dann wird noch mal alles
verschweißt und fein abgeschliffen. Nun sieht das Kunstwerk
aus wie eine Narbe am Körper.
Soweit so gut, aber ob das alles so viele Kilometer
aushalten wird? Für hier, für kurze Strecken vielleicht, aber
ich traute der Sache nicht. Wieder berief ich einen Kriegsrat
mit Chitra und Lal ein. Wir hatten einfach nicht mehr genug
Geld. Lal meinte, er könne sich Geld schicken lassen. Doch
ich wollte nicht noch mehr abhängig von ihm sein. Die
Franzosen meinten, dass ich doch das Auto verkaufen könnte.
Und dann? Fliegen war nicht möglich, da die Tickets bestimmt
mehr kosten würden, als das Auto einbringen würde. Nein, das
ging nicht! Dann kam der Vorschlag von den Franzosen, dass
sie mein Auto gegen ihres eintauschen würden. Sie wollten
mir noch Bargeld für die Heimreise geben. Die Idee war nicht
schlecht, denn wir konnten so mit einem heilen Auto nach
Hause fahren.
Bis Österreich war der Sprit nicht teuer. Der 190er der
Franzosen war ein Diesel und somit billig im Verbrauch.
Wir wurden uns einig und erledigten die Umschreibung
bei den Botschaften. Es war etwas kompliziert, aber zum
Schluss ging alles in Ordnung.
Wir besorgten unsere Visa für den Iran.
Ich musste noch einen neuen Pass bei der Botschaft
beantragen, da durch das ewige Eintragen des Autos viele
Seiten verbraucht wurden.
Die Gebühr für einen neuen Pass war gerade einmal 20
DM, das konnte ich noch verschmerzen.
Wir waren bereit und fuhren mit dem neu erworbenen
Diesel in Richtung Kandahar. Er war nicht so bequem und
auch nicht so schnell wie mein geliebter 230er. Die Straßen
waren von all den Straßen, die wir außerhalb von Europa
gefahren sind, die besten. Man sagte mir, dass die Amis von
Jalalabad bis Kandahar gebaut hätten, den Rest bis zur
iranischen Grenze die Russen. Oder umgedreht? Die Amis
bauten mit Asphalt, die Russen mit Beton. Unterwegs war für
jeden Bezirk Straßenzoll zu bezahlen. Das funktionierte so:
Einmal zahlen, einmal die Quittung abgeben, dann wieder
zahlen.
Für jede Provinzdurchfahrt musste bezahlt werden.
Es gab nicht immer Schlagbäume, die man gut sehen
konnte. Es waren auch schon mal Ketten über die Straße
gespannt. Sah man sie nicht früh genug, hatte man eventuell
ein Coupé oder mindestens eine kaputte Scheibe und einen
riesigen Schock. Ein Zöllner meinte, dass die Bäume zu teuer
wären, deswegen die billigere Version mit den Ketten. Ja, die
Afghanen waren arme Leute, aber sie hatten schöne Teppiche,
sogar in den kleinsten Teehäusern entlang der Straße, die man
hier Highway nannte.
In Afghanistan gab es leckere Weintrauben, Wein,
Rosinen, Pistazien, Reis und spinatähnliches Gemüse. Das war
es auch schon. Oder man musste ein Lamm schlachten.
Die Beduinen trugen jetzt im Winter Schuhe, die aus
Autoreifen gefertigt waren. Normal müssten sie jetzt
Winterprofil haben, aber ich glaube, das war so ziemlich
irrelevant für den Träger. Super waren die Schafspelzmäntel,
die sie anhatten, nämlich im Sommer mit Wolle nach außen
und im Winter mit Wolle nach innen. Das beste natürliche
Klimagerät, was man sich nur vorstellen konnte.
Im Sommer kühl, im Winter warm. Diese „Pustinger“
waren ein Muss für jeden „Kutschi“, wie auch der Hund, den
jeder Beduine bei sich hatte, egal wo er auch hinging. Die
Kutschi – Hunde waren eine Rasse, die keine Ohren hatten, nur
Stumpen, Ansätze von Ohren und auch keinen Schwanz. Man
sagte mir, diese Hunde würden schon so geboren, damit die
Wölfe keine Angriffsfläche hätten. Ich sah diese Leute bei
minus 20 Grad barfuß über den gefrorenen Schnee laufen.
In jedem Teehaus, das wir anfuhren, war eine Wärme, die
nicht nur vom Holz geheizten Eisenofen kam.
Nein, die Wärme kam von diesen Leuten. Es kam so oft
vor, dass wir unseren Tee nicht bezahlen mussten – ja sogar
nicht durften.
Der Tee kostete nicht viel, aber wenn man nichts hat, ist
auch wenig viel.
Das Essen bestand fast immer aus Reis, Spinat mit
Rosinen und zwei Würfeln Hammelfleisch. Dazu gab es
leckeres Fladenbrot, das Naan.
Oft habe ich mich gefragt: Würde ein Afghane bei uns
auf der Autobahn-Raststätte auch zu einem Tee eingeladen
werden? Ich kam zu der Erkenntnis, dass man ihn höchstens
als nach Knoblauch stinkenden Wilden aus dem Restaurant
verbannen würde!
Warum sind wir Europäer eigentlich so? Ich habe auf
meinen Reisen immer wieder festgestellt: Je ärmer ein Volk
ist, desto unbelasteter sind die Menschen. Selbst die Kinder
hatten hier ein ganz anderes Lachen als bei uns, oder bildete
ich mir das nur ein? Wäre da nicht das sehr krasse Vorgehen
oder besser Vergehen mit ihren Frauen. Denken wir doch
einmal ungefähr dreihundert Jahre zurück – haben wir da nicht
auch Frauen verbrannt? Hexen?
Die Kirche, was hatte die denn alles auf dem Kasten?
Immerhin ist der muslimische Glauben eine Zeitspanne von
ca. 300 Jahren hinter dem christlichen zurück. Von diesem
Gesichtspunkt aus bin ich überzeugt, dass auch in den
Moslem-Staaten sich etwas ändern wird, auch ohne die
Vergewaltigung durch die westlichen Länder. Man stelle sich
vor, die Chinesen hätten gehört, dass manche westliche Frauen
ihre Neugeborenen in den Müll werfen und deswegen müssten
sie uns Kultur beibringen und uns bekriegen – wollen wir das?
Nein!!
Wir übernachteten in Kandahar, denn ich wollte nachts
nicht fahren. Ich dachte an die Gefahr quer über der Straße
hängender Ketten. Am nächsten Morgen sah ich von unserem
Fenster aus ein kleines Bächlein zwischen den Bäumen, die
rechts und links standen und einige Männer, die wohl ihre
Morgentoilette machten.
Das sah so aus: etwas weiter weg, also ganz oben am
Bach, hatte man wohl die Gemeinschaftstoilette. Die Herren
saßen in der Hocke, mit einem Bein links und dem anderen
rechts vom Rinnsal und wuschen sich, vom Geschäft her
kommend, mit einem Kännchen ihren Hintern. Das störte aber
die weiter unten Stehenden nicht, ihre Mundhygiene zu
vollziehen. Mit Stöckchen wurden da die Zähne geputzt. Und
noch etwas weiter unten wusch unser Hotelkoch den Salat und
die Tomaten für unser Frühstück.
Ich verzichtete auf das im Leben so wichtige Grünzeug.
Trotzdem war das Frühstück mit Joghurt, Honig, Butter, Eiern,
Schafskäse und warmem Fladenbrot lecker. Die Straße war
wieder schön. Ich ließ den 190er laufen. Es gab keinen Schnee
mehr und es war bedeutend wärmer als in Kabul.
Auf diesem Stück der Straße gab es kaum Brücken, dafür
aber einige Furten, das waren Wadi – Durchfahrten. Es ging
mal runter durch die Furt und wieder hoch. Im Moment waren
diese Wadis trocken. Erst bei Schneeschmelze oder starkem
Regen waren sie mit Wasser gefüllt.
Wir waren kurz vor Herat und ich sah vor mir eine Herde
Kühe auf meiner Seite. Auch nahm ich den Jungen wahr, der
sich bemühte, die Kühe von der Straße zu treiben. Vor uns war
eine Brücke, wohl die Einzige in der Gegend. Und der Junge
wollte die Kühe nicht über die Brücke lassen. Er wollte sie
durch das trockene Wadi, durch die Furt, auf die andere Seite
treiben. Ich fuhr etwas langsamer und auf die linke Seite, da
kein Gegenverkehr war. Die Tiere waren jetzt vor der Brücke
ins Wadi abgebogen. Ich zog wieder nach rechts und in diesem
Moment kam mein Kuhhirte wieder zurück auf die Straße, um
über die Brücke zu gehen. Es gibt keine Bürgersteige auf
solchen Brücken, für wen auch? Auf jeden Fall stand der
Junge jetzt mitten auf der Straße und ich bremste so hart es
ging. Doch das reichte nicht! Er blieb genau in meiner
Fahrtrichtung stehen – und ich einen Meter weiter.
Mit dem Ergebnis, dass meine Stoßstange das Schienbein
des Jungen traf. Er lag heulend vor Schmerzen vor dem Auto.
Ich hatte nicht früh genug stoppen können und auch gar nicht
damit gerechnet, dass er noch einmal auf die Straße
zurückkommen würde. Er schrie in Farsi, paschtunisch oder in
afghanisch. Ich konnte ihn nicht verstehen, doch dass er sehr
große Schmerzen hatte, das war mir sofort klar….

Das war wieder ein Blick in mein Buch….Möchtest du mehr lesen?

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Veröffentlicht von jstollin

Steht alles in meinem Buch: http://www.amazon.de/Mein-Traum-frei-sein-Geschichten/dp/1482708205

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Vör en Deef kann man de Dör tomaken, avers vor en Lögner nich.

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