Der Pudding-Shop in Istanbul

Der Pudding-Shop in Istanbul

SAMY der „Schlepper“ am Puddingshop.

Ich saß im Pudding-Shop, wie immer und verzehrmeinen zweiten Reispudding. Ein Deutscher sprach mich an
und wollte wissen, ob ich derjenige sei, der Autos überführte.
Ich erklärte ihm, dass ich nur Fahrer sei und seit einigen
Tagen ohne Führerschein, also keine Überführungen mehr. Er
grinste nur und wollte wissen, ob ich, wenn ich einen
Führerschein hätte, bereit wäre einen Omnibus nach Indien zu
fahren.
Dazu bräuchte ich aber einen Lastwagen-Führerschein
und den hatte ich auch nicht.
Ob ich wollte?
Ja, war meine Antwort und schon schickte der Typ mich
zu einem Fotografen, um einige Passfotos machen zu lassen.
Auch musste ich ihm meine Personaldaten geben und sollte
am nächsten Morgen hier im Shop sein. Ich würde einen
Führerschein bekommen, mit dem ich berechtigt wäre, alles
außer Panzer zu fahren. Mann, der legte los – das war kein
Schwätzer, der nicht wusste, was er machte oder machen
wollte.
Dieser Typ gefiel mir und ich war am nächsten Morgen
schon sehr früh im Pudding-Shop. Doch bis Mittag musste ich
auf den Deutschen warten. Er entschuldigte sich und erklärte
mir, dass das Führerschein machen doch etwas länger gedauert
hatte. Er holte ein Kuvert hervor, entnahm ein Papier und
reichte es mir. Da stand tatsächlich ganz deutlich mein Name
und die Klasse der Berechtigung zum Führen eines
Motorrades, eines Busses, einer Limousine und eines
Lastwagens.
Ich war Deutscher, aber mit einem Wohnsitz in
Südafrika, in Kapstadt in der Werke Straat 123 und es war ein
südafrikanischer Führerschein. Nun stellte er sich vor und ich
erfuhr, dass er deutscher Jude sei und in Südafrika gelebt
hatte. Bis er seine indische Frau kennengelernt hatte, und dann
auswandern musste, weil die Apartheid es nicht erlaubte mit
einer „Farbigen“ verheiratet zu sein.
Sein Name war Martin und die hübsche Frau hieß Mala
und kam ursprünglich aus Neu-Delhi. Die letzten Jahre hatten
sie in Deutschland gelebt und seien nun auf dem Weg in eine
neue Zukunft. Die drei Busse, die er gekauft hatte und nun
nach Indien mussten, waren sein neues Gewerbe, was er in
Indien machen wolle.

Foto Copyrights by FREIE PRESSE.


Ein Busunternehmen wollte er aufbauen.
Ein Fahrer hatte hier keine Lust mehr gehabt, ist zurück
nach Deutschland und deswegen brauchte er einen neuen
Fahrer. Die Blanko-Führerscheine hatte er schon lange bei sich
und nun seien sie von Nutzen, was Martin sehr erfreute. Ich
konnte ihm erst jetzt erklären, dass ich noch nie einen so
langen und großen Bus gefahren hätte. Wenn ich es nicht
könnte, würde ich es eben lernen. Bis spätestens Ankara
könnte ich es oder er bräuchte einen neuen Bus und
höchstwahrscheinlich auch einen neuen Fahrer. Martin nahm
alles sehr locker. Er war ein schlauer Fuchs. Er hatte Tickets
an Hippies verkauft, die nach Indien wollten. Schon zwei
Busse waren mit Hippies belegt. Doch mein zu fahrender Bus
blieb ohne Fahrgäste, was mir recht war. So brauchte ich mich
nicht zu blamieren, wenn es beim Schalten krachte. Normal
fuhren die Hippies mit dem „Magic- Bus“ oder sie nahmen
lokale Busse von Stadt zu Stadt und auch von Land zu Land.
Das Trampen als Mitfahrer war ab hier, im Orient, fast
unmöglich.
Doch die Mitfahrt in diesen Bussen war eine Gelegenheit,
die viele nutzten. Hier hatte man die Möglichkeit von Istanbul
bis Delhi auf demselben Platz zu sitzen und mit denselben
Leuten zu reisen. Auch konnte man nachts im Bus schlafen –
das war noch ein Vorteil. Zusammen waren es 60 Hippies, von
denen jeder 70 Dollar bis Delhi bezahlt hatte. Das machte für
Martin 60 x 70 = 4200 Amerikanische Dollar. Nicht schlecht,
da die Busse sowieso nach Indien mussten.
Auch sah ich das erste Mal einen Spanier, der bis Delhi
wollte. Er erzählte, dass es Franco nicht mehr gäbe und sie nun
auch reisen könnten. Immerhin hatten wir das Jahr 1975 und
nicht 1945. Ich wusste gar nicht, dass die Spanier, so wie die
DDR-Bürger, keine Pässe bekamen, nur Spezialisten.
Ich kannte einige „Spezialbürger“ der DDR. Aber
Spanier?
Mit Martin hatte ich ausgemacht, dass mein Honorar 300
Dollar sein sollte, plus Essen unterwegs und 100 Dollar für die
Rückreise über Land. Vorausgesetzt, ich würde den Bus am
Stück nach Delhi bringen – mit kleineren Beulen, rechnete
Martin. Es würde schon schief gehen. Ich hätte dann in Delhi
die 400 Dollar von Martin und die 1300 von meinem
Mercedes-Verkauf, also 1700 Dollar. Damit könnte ich etwas
Vernünftiges anfangen. Jetzt war die Welt doch wieder in
Ordnung. Ich muss diesen Scheiß-Bus nur heile nach Indien
bringen.
Die ersten Kilometer vom Parkplatz vor der Hagia Sofia
bis zur Fähre war schon ein Abenteuer.
Nach dem ersten vergessenen Zwischenkuppeln und dem
Getriebe-Zahnrad-Geheule wurde mir ganz komisch und ich
dachte schon, dass es das Aus gewesen sei.
Doch bald hatte ich raus, wie das lief:
Hupen und fahren, hupen und fahren, so wie die Türken
das auch machten. Alle hielten nun einen respektablen
Abstand zu meinem Bus, und jeder wusste, dass da jemand
einen Bus durch Istanbul zu lenken versuchte, der keine
Ahnung hatte, wo er hin wollte, oder wie er zu fahren hatte.
Ich schaffte es auf die Fähre ohne das Getriebe zu
ruinieren und ohne andere Autos anzufahren. Der Trick war
ganz einfach: Ich klebte mich an Martins Stoßstange und ließ
keinen Meter Platz, sodass niemand mehr dazwischen konnte.
Und hinter mir fuhr der dritte Bus. So konnte ich nicht
verloren gehen.
Wie Martin sagte, bis Ankara hätte ich die Sache mit der
Schalterei heraus. Es krachte auch nicht mehr. Das Gefühl für
die Breite und Länge des Busses kam ganz langsam, aber es
kam. Zuerst war ich immer, wenn mir ein Fahrzeug entgegen
kam, zu weit nach rechts gefahren, weil ich Angst vor einem
Frontalzusammenstoß hatte. Doch bald schon blieb ich in der
Mitte der Fahrbahn und die Entgegenkommenden mussten bis
fast in den Straßengraben auf ihrer Seite fahren.
Schnell merkte ich, dass ich ja das größere Objekt hatte
und den anderen damit feine Angst einjagen konnte – bis auf
die Laster. Da war ich mir nicht ganz sicher, ob die auch in
den Graben fahren würden, oder lieber einen
Frontalzusammenstoß riskierten. Deswegen bremste ich erst
einmal ab und fuhr etwas langsamer an diesen Kamikaze
vorbei. Die Nachtfahrten wurden zu einer regelrechten
Mutprobe.
Das Abblendlicht war für viele eine völlig unnütze Sache,
denn die meisten Autos hatten sowieso total verstellte
Scheinwerfer. Somit war, egal wie sie einen blendeten, ob mit
Abblenden oder ohne.
Da ich an diesem Bus noch die von einem deutschen
Kraftfahrzeugelektriker eingestellten Scheinwerfer hatte,
blendete ich natürlich jeden, wenn ich nicht abblendete. Somit
tat ich es und war immer im Nachteil, wenn ich dann in diese
Dunkelheit hineinfuhr, nachdem der andere vorbei war.
Jedes Mal, wenn ich mein volles Licht anhatte, machte
der Entgegenkommende sein Licht auf Parklicht
beziehungsweise Standlicht und ich konnte fantastisch an ihm
vorbeisehen und feststellen, ob vor mir ein Hindernis war. Das
Gleiche machte ich dann auch, denn damals war die
Lichtanlage an den Zündschlüssel gekoppelt und man drehte
mit dem Zündschlüssel die Lichter auf Parken oder Fahrlicht
und das Fernlicht war mit dem Fuß zu betätigen. Also ließ ich
das Fernlicht an und drehte nur den Zündschlüssel nach links
oder rechts.
Es klappte wunderbar. Einmal fuhr ich für einige
Sekunden im Standlicht, dann wieder der mir
Entgegenkommende, denn so sah man an dem anderen
Fahrzeug vorbei und konnte erkennen, ob eventuell ein
Hindernis auf der Straße war – man fuhr nicht in ein dunkles
Loch. Hatte man sich einmal an das System gewöhnt, war es
die sicherste Art nachts zu fahren. Abends, nach unserer Fahrt,
saßen wir beisammen, tranken, aßen und palaverten.
So bekam Martin schon sehr bald mit, dass ich mich auf
der Strecke auskannte. Er kam dann mit Mala zu mir in den
Bus und wir fuhren als Erste zusammen.

Photo by Harvey.

Natürlich war das
Amir Kabir – Hotel der richtige Übernachtungsplatz für uns
und einige der Passagiere, die nicht im Bus schlafen wollten.
Da Martin hier einen dreitägigen Stopp einlegte, war die
Chance gegeben, sich um sein Visum für Afghanistan zu
kümmern.
Erst in Kabul hatten wir wieder einen längeren Stopp von
drei Tagen. Auch hier empfahl ich eine Unterkunft, das
Mustafa Hotel, als Anlaufstelle. Natürlich wurden auch hier
wieder noch fehlende Visa für Pakistan und Indien gemacht.
Doch ich hatte anderes vor.
Ich suchte die gewisse Werkstatt, wo mein Mercedes
repariert worden war, und ich von den Franzosen den
verseuchten 190er gekauft hatte.
Doch diese Werkstatt suchte ich vergebens.
Auch die Franzosen gab es nicht mehr.
Doch die Ferhadis mussten doch wissen, was passiert war
und könnten mir Näheres sagen. Also begab ich mich in das
Café München und traf tatsächlich meinen alten Freund
Dahoud, der die präparierten Schachbretter machte. Doch auch
er hatte keine Ahnung, wo die Franzosen abgeblieben waren,
so sagte er wenigstens. Seiner Meinung nach waren diese
Leute ganz schlechte Menschen gewesen. Hier in Kabul seien
sie im Gefängnis gewesen, aber irgendwelche Leute mit viel
Geld hätten sie rausgekauft und sie ins Ausland gebracht.
Gleichzeitig fragte mich Dahoud, ob ich nicht Interesse
hätte, ein Geschäft mit ihm zu machen. Ganz höflich, aber
bestimmt, lehnte ich es ab mit ihm ein Geschäft zu machen.
Mit hm nicht und auch mit keinem anderen Afghanen.
Vorläufig hatte ich die Nase voll mit irgendjemandem auch
nur über ein Geschäft zu sprechen, geschweige denn eins zu
machen. Dahoud erzählte ich meine Geschichte mit dem 190er
Mercedes, den ich von den Franzosen gekauft hatte. Er war
nicht überrascht, da er wusste, was die Franzosen machten,
denn das Haschisch hatte er ihnen verkauft und auch für sie
einbauen lassen.
Die Weiterfahrt über den Khaiberpass nach Peschawar
und über Lahore zur pakistanisch- indischen Grenze verlief
ohne bemerkenswerte Zwischenfälle.
Auf der indischen Seite sah ich schon von weitem meinen
kleinen Sardatschi mit seinem Turban der Sikh, mit dem ich
das Visum-Problem hatte. Nach einer kurzen Begrüßung sollte
ich sofort mit in sein Büro kommen.

Hier einer meiner Pässe….

Während die Pässe und
die Bus-Zoll-Formalitäten gemacht wurden, musste ich viel
Tee trinken. Martin und Mala waren auch mit eingeladen
worden. So hatte mein Freund, der unbestechliche
Grenzbeamte, der Mala in seiner Sprache wohl die Geschichte
erzählt und ab und zu auf mich gedeutet. Zum Schluss fragte
er noch an mich gewandt, ob er Geld genommen hätte und ich
sagte ganz laut und deutlich, sodass es auch jeder mitbekam,
dass er der unbestechlichste Beamte sei, den ich auf meinen
ganzen Reisen kennengelernt hätte! Das hatte gesessen! Der
Kerl wuchs um einige Zentimeter und Mala erzählte wohl,
dass sie einen Verwandten in der Regierung hätte. In einer
Rekordzeit waren unsere Pässe und auch die Buspapiere fertig
und wir konnten weiter fahren.
In Neu-Delhi wurden die Busse in den Zollhof gefahren
und unsere Mission war zu Ende. Martin erzählte mir in den
nächsten Tagen, wo auch immer wir uns trafen, dass das Bus Geschäft eine schwierige Operation sei. Da mussten
Genehmigungen, Importgenehmigung, Dokumente vom
Ministerium für Finanzen, Tourismusministerium,
Verkehrsministerium, Ministerium für Arbeit und Handel
besorgt werden.
Auch eine Bankverbindung mit einer gewissen
Geldgarantie, Hinterlegungen und vieles mehr musste in die
Wege geleitet werden. Ist doch klar, jeder wollte an Martins
neuem Unternehmen etwas verdienen.
Hoffentlich waren die Busse mehr Wert, als die ganze
Schmiergeldsache kosten würde. Ich wollte so schnell wie
möglich aus Indien raus, denn ich hatte ein Schweinehund gab mir Recht und bekräftigte mich in meinem
Vorhaben mit guten Ratschlägen. Er war damit einverstanden,
dass ich ganz schnell zurück nach Deutschland fliegen und mir
einen gebrauchten Bus kaufen sollte, um Hippies nach Indien
zu fahren!

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Veröffentlicht von jstollin

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Vör en Deef kann man de Dör tomaken, avers vor en Lögner nich.

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