Mimung aus Arunachal-Pradesh

Je höher man schwebt, desto tiefer fällt man – das ist nun
einmal so. Der Mensch hat zwei große Triebe: Der eine ist der
Selbsterhaltungstrieb, der andere ist der Arterhaltungstrieb.
Den Arterhaltungstrieb hatte ich mit Mimung voll ausgelebt.
Nun kam der Selbsterhaltungstrieb, der sich meldete, und das
war meine Arbeit. Man muss arbeiten, um sich zu ernähren,
sich einzukleiden und um viele schöne Dinge kaufen zu
können, eben um sich selbst zu erhalten. Mein Arbeitsvertrag
war nur für diese Periode des Lehrganges gemacht worden. Es
war nur ein Testlauf, der von privater Seite aus gemacht
wurde. Und man sagte mir, dass man weiter machen wollte,
aber erst musste im Ministerium darüber verhandelt werden,
wer für die Kosten aufkommen würde. Es sollte nicht nur den
Reichen, die es privat zahlen konnten, sondern auch der
Unterschicht ermöglicht werden. Es könnte aber sehr lange
dauern, bis eine Entscheidung kam.
Nicht nur meine Schüler haben etwas gelernt, auch ich
war ein Meister der indischen Küche geworden.
Meine Schüler bekamen ein richtiges Diplom, ich aber
musste mich mit einem Zeugnis vom Hotel begnügen.
Ich war wieder einmal ohne Job und das hieß, ohne
Einkommen.
Ich
sollte, solange ich noch Geld für ein Ticket hatte, meinen
Abschied einreichen und Delhi verlassen. Das hieß aber auch,
Mimung zu verlassen! Aber ich konnte es nicht, ich war total
in diese Frau verliebt!
Wir hatten uns so stark aneinander gebunden, dass eine
Trennung nicht infrage kam. Auch Mimung würde daran
zerbrechen, das sagte sie mir jeden Tag.
Sie bekam von Zuhause Druck, warum sie immer noch in
Delhi sei und nicht zurückkommen würde. Beide sollten wir
zu unseren Familien, doch wir taten genau das Gegenteil.
Ich konnte nicht von dieser Frau lassen. Sie war anders
als Chitra. Es wäre zu einfach nur eine Frau in ihr zu sehen. Es
war nicht die Frau, es war ihre Art, die den Unterschied
ausmachte, die Ehrlichkeit, die Offenheit, die Unschuld, die
sie noch hatte und auch den Respekt, den sie anderen
gegenüber bewies. Sie war noch nicht versaut, denn ich konnte
einen guten Menschen in ihr erkennen und sehen.
Ich vergötterte sie und nannte sie meine Maharani, was
wiederum sie als Anlass nahm, dass sie mich mit „Herr Hans“
ansprach. Sie dachte, dass der „Herr“ bei uns etwas ganz
Besonderes sei.
Unser Altersunterschied war für sie kein Problem. Für
mich kam es nicht infrage, dass ich sie mit nach Deutschland
nehmen würde.Sie war gerade einmal 23 und ich doch schon 35 der Unterschied war für mich zu groß.
Doch gerade dieses Unverdorbene, diese Unschuld, das
so Unkomplizierte machte sie so attraktiv für mich.
Lilian war das Gegenstück in europäisch gewesen, was
Mimung in asiatisch darstellte.
Das noch Unverdorbene, bis sie mich kennengelernt
hatten.
Das sollte ein Witz sein.
Mimung sprach so oft davon, dass ich doch mit nach
Arunachal Pradesh kommen sollte. Dort könnten wir beide das
Hotel von ihrem Vater führen. Es wäre nichts Großes, aber in
der ganzen Gegend sei ein noch so großes Potenzial an
Zuwachs vorhanden. Nicht nur das Hotel, die ganze Region sei
kurz davor, vom Tourismus entdeckt zu werden. Sie würde
später sowieso das Hotel erben, da sie keine Brüder hätte, nur
noch eine jüngere Schwester.

https://www.google.de/search?q=arunchal+pradesh&tbm=isch&ved=2ahUKEwiVkcjG6qPuAhWJlKQKHVl1BpcQ2-cCegQIABAA&oq=arunchal+pradesh&gs_lcp=CgNpbWcQDFAAWABg71JoAHAAeACAAQCIAQCSAQCYAQCqAQtnd3Mtd2l6LWltZw&sclient=img&ei=eKEEYJX1AompkgXZ6pm4CQ&bih=663&biw=1349&hl=de

Ich begann mich für diesen indischen Staat am Ende des
Himalajas und zur Grenze zu China zu interessieren. Noch nie
hatte ich davon gehört, außer von Mimung und ihrer Freundin.
Ich kannte es noch von den alten Karten, wo dieses Gebiet als
“North East Frontier Agency“ bezeichnet wurde. Für indische
Verhältnisse ein kleiner Staat. Trotzdem hatte er ca. 85
000 km² mit 470.000 Einwohnern. Es gab 20 größere
Stammesvölker und 100 Unterstämme. Und man trank
„Apong“, ein einheimisches, nichtalkoholisches Getränk. Das
würde mir wohl nicht schaden.
„Apong“ wird von der Geburt bis zum Tod von jedem,
immer und überall getrunken. Es soll ein Superstoff für das
Immunsystem sein. In der ganzen Region soll es keinen Krebs
geben, weil dieses Getränk die Erreger schon im Keim
ersticken würde. So sagte man.
Auch würden schon 700 Schulen für unseren Nachwuchs
bereitstehen, meinte Mimung. Sie dachte schon an
Nachwuchs, während ich noch nicht darüber im Klaren war,
ob ich mit ihr Kinder haben wollte. Doch mich hatte noch
keine Frau gefragt, ob ich mit ihr Kinder haben wollte.
Das war die Erste, die eine Bemerkung darüber machte.
Mimung sagte mir auch noch, was der Name ihres Staates
„Arunachal“ bedeutete: Land der aufgehenden Sonne.
Und außerdem sagte man auch noch, dass der
Sonnenuntergang die Berge küsst. „Unser Land ist zweimal so
groß wie die Schweiz und ist mit 70 % Waldfläche mindestens
so schön oder noch schöner. Dieser Teil von Indien war noch
so natürlich, weil die Engländer diesen Teil so isoliert hatten
wegen der Grenze nach China.
Es war schon immer ein wichtiges Grenzgebiet. Sogar die
Chinesen wollten es sich im Jahre 1962 einverleiben.
Nach fünf Wochen Krieg war alles vorbei, doch
deswegen bekam dieses Stück Erde eine so wichtige Rolle in
Indien.
Bis heute braucht man eine Spezialgenehmigung, wenn
man in dieses Gebiet reisen möchte und nicht von hier ist.
Aber Mimmung wusste, dass ich eine
Sondergenehmigung bekam, weil ich sie kannte und heirate
würde.
Schon wieder diese Anspielung auf das Heiraten!
Ihr plötzliches Gedränge gefiel mir gar nicht. Zuerst eine
Ceylonesin und nun eine Inderin. Ich wollte nicht heiraten.
Außerdem war ich doch noch verheiratet, zumindest auf einem
Papier, das irgendwo in einem verstaubten Aktenschrank in
Berlin schlummerte.
Mimmung hörte nicht auf zu schwärmen, wohl um mir
Lust auf das Land zu machen. Die Himalaja-Ausläufer
erreichen hier immer noch eine Höhe von 4000 bis 7000
Metern. Im Westen grenzt das Gebirge zu Butan und im Süden
die Hochebene von Assam.
Nur im Winter war es etwas kalt, ansonsten waren die
Temperaturen im Winter um die Null und im Sommer bis 38
Grad warm. In Itanagar, der Hauptstadt, war sie zu Hause.
Wir würden dann im Hotel wohnen. Itanagar wäre schon
etwas modern, für indische Begriffe- natürlich nicht für einen
Deutschen, meinte Mimung.
Sie stellte sich vor, den Tourismus anzukurbeln, wo noch
alles so jungfräulich war. Wir wären die Ersten, welche Trekking
Touren anbieten würden. Oder Großwildsafaris oder einfach
Jagdsafaris! Es gab wilde Elefanten, Tiger, Leoparden,
Moschusochsen, Rehe und Wildschweine in großen Rudeln.
Natürlich Affen, die Gibbons. Die seltensten Blumen und
Pflanzen gab es auch. Die Wasserfälle von Akash Ganga oder
die von Tawang mit 2000 bis 3300 Metern. Was man da alles
machen konnte! Sogar schon ein ayurvedisches Krankenhaus
gab es schon! Und ganz schnell hätten wir das größte Hotel in
Itanagar. Sie verstand nicht, warum ich da noch überlegte und
stellte meine Liebe zu ihr infrage. Sie drängelte schon
wieder!
Wer weiß schon, dass hinter Ostpakistan, also hinter
Bangladesch, Indien noch weiter geht? Und da sollte ich hin?
Zwischen Bangladesch, Burma – also Miramar, China, Butan
und Nepal- da wollte mich Mimung hin verschleppen?
Mich würde dort bestimmt niemand suchen und schon
lange nicht finden.
Unmöglich, da konnte ich mich gleich beerdigen!
Sollte ich einmal ein ganz großes Ding drehen, könnte ich
mich dorthin verstecken und mich würde niemand finden.
Da ihr Vater nicht nur Hotelbesitzer war, sondern auch
noch in der Politik, in der Regionsregierung, einen
Ministerposten hatte (ich glaube, Mimung sagte sogar
Innenminister), würde ich bestimmt keine Probleme haben,
eine Genehmigung zu bekommen.
Doch selbst wenn ich mit der schönsten Frau und einem
Hotel belohnt würde, ich konnte nicht am Ende der Welt
leben.
Ich wollte Mimung nicht zu sehr schockieren, deswegen
gab ich ihr zu verstehen, dass ich mir Gedanken machen
würde, wie man alles am besten anpacken könnte. Sie möge
mir etwas Zeit geben.
Ich brauchte nicht zu lügen und irgendwelche Märchen
erzählen, um zu erklären, dass ich gar nicht wollte. Da von
ihrer Familie ein Bote angekommen war, der sie zurück nach
Itanagar bringen sollte, hatte sie einen Begleitschutz und
konnte nicht länger in Delhi bleiben, sie musste zurückfliegen.
Für Mimung war das alles zu viel.
Sie wollte, dass ich sofort mitkam und ihre Familie
kennenlernte.
Sie solle zuerst mit ihrer Familie über mich sprechen,
dann könnte ich immer noch nachkommen oder sie könnte
mich abholen, war mein Vorschlag, den sie Gott sei Dank
annahm. Endlich konnte ich sie überreden eine liebe Tochter
zu sein und ohne mich zu ihren Eltern zu fliegen. Irgendwie
war ich erleichtert aber auch sehr traurig, dass sie nun weg
war. Es waren noch keine 24 Stunden vergangen und ich hatte
schon so eine Sehnsucht nach ihr, dass ich mich fast auf den
Weg nach Itanagar gemacht hätte.
Schon sehr viele Abschiede und Trennungen hatte ich
hinter mir, deshalb würde ich auch diese Trennung überleben.
Da fällt mir doch wieder ein weiser Satz von Konfuzius
(551-479 v. Chr.) ein: Wer ständig glücklich sein will, muss
sich oft verändern!
Vielleicht veränderte ich mich zu oft, was wohl das Glück
vertrieb.
Delhi war sehr öde ohne Mimung, meine neue Unterkunft
hatte ich wieder in einem kleineren Hotel.
Ich hoffte, dass Beinchen, also Heinz, aus Belgien zurück
war. Doch konnte ich ihn in keinem Hotel finden. Durch
Mimung und mein Engagement im Hotel hatte ich Beinchen
total vergessen. Vielleicht war er in Belgien geblieben?
Durch Zufall begegnete ich einem alten Freund, den ich
schon einige Jahre nur ab und zu traf. Er gehörte einer Hare
Krishna – Bewegung an und kam nur hin und wieder nach
Delhi. Die meiste Zeit war er in seinem Ashram in Poona. Er
selber nannte sich Ranja. Ich wusste aber, dass er Bill hieß und
Amerikaner war. Auch wusste ich, dass er sehr tief im
Rauschgifthandel tätig war.
Sein 250er Mercedes, mit der grünen iranischen
Zollnummer und den roten Ziffern 12345, also einer Serie, war
nicht zu übersehen. Diesem Ami in seiner orangenen Kluft saß
ich nun gegenüber und er erzählte mir, dass er Beinchen
kannte. Zwar nur unter dem Namen Heinz, aber wie viele
Deutsche mit nur einem Bein und dem Namen Heinz mochte
es wohl in Delhi geben?
Er wäre im Interconti Hotel und ihm würde es sehr gut
gehen, denn er sei vor ein paar Tagen von Australien
zurückgekommen. Heinz hatte er in Bombay getroffen und ihn
überzeugt, dass er einen Trip nach Sydney machen sollte.
Natürlich besuchte ich Beinchen und wir hatten uns sehr
viel zu erzählen.
Der Verrückte hatte einen Koffer mit 20 Kilo Hasch nach
Australien gebracht.
Heinz erzählte mir, dass er sehr viel Glück gehabt hatte.
Man gab ihm einen Koffer mit seinen Sachen und einen nicht
präparierten Koffer mit dieser Riesenmenge Haschisch!
In letzter Minute wollte er abspringen, seiner Meinung
nach war es zu viel und das Risiko zu hoch. Doch dann ritt ihn
der Teufel und er dachte sich, dass es egal sei, mit wie viel er
erwischt werden würde.
Im Flugzeug traf er einen Mitreisenden, mit dem er sich
sehr gut unterhalten hatte und natürlich seine Geschichte von
dem Offizier und der Judenrettung sowie dem verlorenen Bein
erzählte.
Dieser Mann war ein einflussreicher bekannter Bürger
von Sydney. Er sorgte dafür, dass für Beinchen ein Rollstuhl
bei der Ankunft bereit stand.
Man hatte auch sein Gepäck zusammen mit dem des
Australiers holen lassen. Natürlich ging es unkontrolliert als
VIP-Gepäck direkt ins Fahrzeug des neuen Bekannten, dessen
Fahrer Beinchen noch bis zu einem guten Hotel fuhr.
Im Hotel hatte Beinchen den Koffer aufgemacht.
Als Erstes kamen ihm Kakerlaken entgegen und dann erst
sah er diese Unmenge an Haschisch, nur in Plastiktüten und
Handtücher gewickelt, nichts weiter als gepresste Platten von
diesem Zeugs.
Wir wollten uns gar nicht vorstellen, was passiert wäre,
wenn man ihn kontrolliert hätte.
Beinchen hatte die Edelsteine aus Sri Lanka verkaufen
können und mir meinen Anteil gegeben. Nun war auch ich
wieder etwas besser drauf.
Mit Geld fühlt man sich einfach besser. Es heißt ja
immer, dass Geld nicht glücklich macht. Aber das mag für
Leute gelten, die immer welches haben. Ich sage aber, dass
man sich für Geld viele Dinge anschaffen kann, die einen
glücklich machen!
Heinz war froh darüber, dass er Schwein hatte und es
genießen konnte, das Glück. Von einer solchen Art Glück
wollte ich nichts wissen.
Da ich einen Dänen kennengelernt hatte, der mich mit
nach Katmandu nahm und mir einen neuen Weg des
Geldverdienens zeigte, trennten sich Beinchens und meine
Wege. Das neue Geschäft war seriös, ich korrigiere mich – fast
seriös. Es ging um Seidenhemden, von nepalesischen Frauen
in Handarbeit genäht und mit einem Etikett einer
renommierten Firma ausgezeichnet. Das Etikett wurde aus
Thailand importiert. Es war ein Plagiat.
Doch die Seidenhemden waren echt. Der Kostenfaktor
mit Seide und Nähen kam auf etwa zehn Dollar, und in Europa
bekamen wir leicht bis neunzig Dollar pro Stück.
Die Hemden wogen nicht viel, also entstanden wenige
Frachtkosten.
Es gab keinen Ausfuhrzoll und in Europa keinen
Einfuhrzoll, da es Ware aus einem Entwicklungsland und reine
Handarbeit war.
Bis zu hundert Hemden passten in einen Koffer. Bei zwei
Koffern lohnte sich die Reise. Es flog dann ganz offiziell eine
Person nach Dänemark.
Auch ich machte eine Reise und besuchte nach der
Abgabe der Koffer meine Eltern und Töchter.

Veröffentlicht von jstollin

Steht alles in meinem Buch: http://www.amazon.de/Mein-Traum-frei-sein-Geschichten/dp/1482708205

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