Leseprobe aus: Mein Traum frei zu sein

Der Albtraum

 

Für einige Sekunden dachte ich, es sei eine Täuschung, aber es war bittere Tatsache! Durch ein Bullauge konnte ich in eine Kabine sehen und bemerkte zwei Kinder, die verzweifelt versuchten, das Bullauge zu öffnen. Hinter ihnen standen die Flammen schon so hoch, dass sie die Tür nicht mehr erreichen konnten, doch wo wollten sie auch hin?

Der ganze Teil des Schiffes brannte schon. Das Bullauge wäre die letzte Rettung, dachten sie wohl, doch das war eine Falle, denn diese Art von Fenstern konnte man nicht öffnen. Man bräuchte schon einen Hammer oder eine Axt, die sie aber nicht hatten.

Die Kinder saßen in einer tödlichen Falle und würden lebendig verbrennen! Es waren nur Bruchteile einer Sekunde und ich war am Bullauge vorbei und im Wasser. So sehr ich mich bemühte, am Tampen wieder hochzuklettern, es ging nicht, ich hatte keine Kraft mehr. Mein Schreien nach oben, zu den noch an Bord verbliebenen Offizieren verhallte im Nichts. Ein jeder war mit sich selbst zu beschäftigt, viele riefen irgendwelche Namen und laute Satzfetzen hallten durch die Luft.

Im Wasser bemerkte ich, dass ich keine Schwimmweste hatte. Zum ersten Mal in dieser Nacht hatte ich Angst. Nicht, dass ich nicht schwimmen konnte, die Angst war anderer Natur, denn schwimmen konnte ich gut. Die Kinder vor meinen Augen machten mir Angst! Ich wusste, dass ich diese Bilder ein Leben lang nicht verdrängen oder auslöschen könnte.

Ich hatte das schlechteste Gewissen, das man auf dieser Welt nur haben konnte! Doch wusste ich auch, dass ich nicht helfen konnte! Die ganze Nacht hatte ich Erwachsenen geholfen, in die Boote zu steigen und ihnen Schwimmwesten angelegt. All diese Menschen wären allein dazu in der Lage gewesen. Doch diese Kinder – hat niemand sie gesehen? Vermisste denn niemand seine Kinder!? Waren die Eltern tot? Warum? Warum diese Kinder? Ich hatte auf diese Fragen keine Antworten. Später beruhigte ich mein Gewissen damit, dass ich nach dem Unglück niemals gehört hatte, dass zwei Kinder vermisst oder bei diesem Unglück umgekommen seien. Doch die Albträume habe ich noch heute.

Ich berührte einen Gegenstand. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass es ein Mensch war. Ich spürte, dass es ein toter Mensch war. Doch er konnte mein Leben retten, denn dieser Mensch trug eine Schwimmweste. Ein Toter braucht keine Schwimmweste, also nahm ich sie ihm ab und zog sie an. Mein toter Lebensretter verabschiedete sich ohne Weste sehr schnell. Nun musste ich sehen, dass ich zu einem Rettungsboot kam, denn ewig konnte ich nicht im Wasser bleiben.

Doch so sehr ich mich auch bemühte, ich sah überhaupt nichts außer der brennenden „Lakonia“ oder was noch von dem stolzen, weißen Ozeanliner übrig war. Es musste doch Hilfe geben: Ein Rettungsboot muss mich doch bemerken, jemand muss doch mein Rufen hören! Andere Schiffe sind doch schon in näherer Umgebung und suchen nach Überlebenden…

Es war nicht hell und auch nicht mehr dunkel, trotzdem war meine Sicht nicht gut genug, um etwas zu erkennen. Lange könnte ich es in diesem kalten Wasser nicht aushalten, schnell würde ich unterkühlen. Den coolen Typen von heute Nacht, der ich vor ein paar Stunden noch war, den gab es nicht mehr. Ich hatte jetzt nur noch ganz normale Angst, Angst, dass man mich nicht finden würde.

Irgendetwas hatte ich gesehen, einen Gegenstand, den ich nicht identifizieren konnte – noch nicht. Meine Sinne täuschten mich und ich sah schon Dinge, die nicht vorhanden waren. Ich musste mich zusammenreißen, nur nicht schlappmachen. Schwimmen war zwecklos, denn wo sollte ich hin, wenn ich nicht wusste, wo ich war? Einfach über Wasser bleiben! Zurück zur „Lakonia“, wäre auch keine Lösung, denn sie könnte mit einem Knall im Meer verschwinden und mich mitreißen.

Plötzlich fiel mir dieser blöde Witz ein: Zwei Freunde schwimmen in einem See und wetten um einhundert Dollar, wer zuerst das gegenüber liegende Ufer erreichen würde. Genau in der Hälfte des Sees sagt der eine Freund zum anderen, dass er nicht mehr weiterschwimmen könne und umkehren würde…

So ungefähr kam ich mir vor – sollte ich umkehren? Nur wusste ich nicht, wo die Hälfte der Strecke war. Positiv denken, es wird schon in Ordnung gehen! Einfach daran glauben, dass alles gut ausgehen wird.

Der Gegenstand von vorhin war neben mir, aber ich konnte nicht erkennen, was es war. Es war größer als ich, kein Fisch und auch kein Hai. An Haie hatte ich bis eben nicht gedacht, doch nun kamen Gedanken, dass es doch welche geben könnte. Ich musste an den Toten denken, dessen Schwimmweste ich jetzt anhatte. Würde sie mir mehr Glück bringen als ihm? Bis jetzt hatte ich doch Glück, wenn man das Erlebte so nennen darf.

Ich strampelte weiter, damit mein Kreislauf in Bewegung blieb. Was war das? Ich spürte etwas und nun sah ich es auch. War es ein Fass? Eine Art Tonne? Jetzt war etwas über mir. Es waren Holzbretter. Nach näherer Untersuchung stellte sich heraus, dass es eine Art Floß war. Wo kam plötzlich dieses Ding her? In schlechten Filmen kam so etwas vor, da waren plötzlich Sachen vorhanden, die gar nicht da sein konnten. Aber wie konnte ich nun auf dieses komische Teil aufsteigen? Ich spürte Eisenrohre, Wasserleitungsrohre, auf denen Holzbretter befestigt waren. Ich löste meinen Gürtel, legte die Schnalle um eines der Rohre und machte eine Schlaufe, so dass ein Steigbügel entstand. Nun konnte ich mit einem Fuß Halt finden und mich auf dieses seltsame Objekt schwingen. Tatsächlich war es ein Floß!

Es war das Arbeitsfloß von unserem Schiff. Die Matrosen benutzten es, wenn am Schiff kleinere Außenreparaturen und Malerarbeiten nötig waren. Wenn die Hafenschlepper das Schiff an die Hafenpier drücken mussten, gab es von den alten Reifen, die am Bug der Schlepper befestigt waren, diese unschönen, schwarzen Reifenabdrücke. Diese wurden dann mit weißer Farbe von diesem Floß aus überpinselt. Es war eine simple Konstruktion: vier leere Ölfässer, verbunden mit Wasserrohren, darauf Bretter befestigt und eine kleine Reling, ebenfalls aus Wasserrohren. Das war es auch schon. Doch für mich war es erst einmal Rettung – die zweite heute. Erst war es die Schwimmweste des Toten und nun dieses Stück Insel.

Meine Insel lag sehr hoch über dem Wasser, somit konnte ich etwas besser die Umgebung sehen. Außer der brennenden „Lakonia“ sah ich in weiter Ferne andere Schiffe. Ein Passagierschiff, einen Tanker und sogar ein Kriegsschiff konnte ich erkennen. Doch Einzelheiten konnte ich nicht sehen. Der Nachteil war, dass ich durch den Wind zu schnell abgetrieben wurde. Trotz allem war ich mit meiner Situation zufrieden.

Die „Lakonia“ brannte nun schon einige Stunden und hin und wieder hörte ich kleinere Explosionen. Der Tag war angebrochen und ich merkte, dass ich immer weiter abdriftete. Gegen Mittag hatte mich noch niemand entdeckt und mein Mut wechselte zu einer kleinen Depression. Immer wieder musste ich mir vor Augen halten, dass ich am Leben und nicht, wie so viele andere, dem nassen Tod erlegen war.

Das Wetter war durchwachsen, aber nicht richtig kalt für diese Jahreszeit. Sonne, Wolken und eine leichte Brise waren für meine nackte Haut angenehm. Die nassen Klamotten hatte ich ausgezogen und sie trockneten nun an der oberen Rohrstange meines Rettungsgeräts. Hoffentlich hielt das Floß seine Stabilität, bis man mich fand. Ich war mir sehr sicher, dass dies noch vor Sonnenuntergang geschehen würde. Wie heißt es doch: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Man muss einfach nur daran glauben!

Die Kleidung trocknete schnell und ich konnte mich wieder anziehen. Ich hatte keine Angst, dass mich jemand nackt sehen würde – hier war absolut niemand, der mich sehen konnte – obwohl ich mir nichts mehr als das wünschte. Es wurde kälter, deswegen war ich froh, wieder trockene Kleider am Leibe zu haben. Da ich keine Schuhe mehr hatte, ließ ich auch die nutzlosen Socken über Bord gehen. Meine Windjacke hatte ich noch an Bord der „Lakonia“ einer Passagierin gegeben. Immerhin hatte ich noch meine Jeans und mein T-Shirt.

Es musste kurz vor Einbruch der Dunkelheit gewesen sein, ich war wohl eingeschlafen und hatte das Gefühl für die Zeit verloren, da weckte mich das Geräusch von Flugzeugmotoren. Doch konnte ich kein Flugzeug sehen. Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf, das Angstgefühl wurde zu einem Dauerzustand. Durst und Hunger meldeten sich immer stärker. Geschlafen hatte ich wohl ein paar Stunden, was mir gut tat.

 Ein blöder Spruch kam mir wieder in den Sinn: Durst ist schlimmer als Heimweh. Heimweh hatte ich keines, aber den Wunsch, gesehen zu werden und einen enormen Durst. Auf der „Lakonia“ war so viel Proviant, der wohl mit ihr auf den Grund des Atlantiks sinken würde. Hätte ich mir doch nur auch etwas eingesteckt, so wie die Leute in der Küche, bevor sie zu den Booten rannten! Die meisten würden inzwischen auf einem Schiff sein und die Retter würden ihnen ein leckeres Essen und Getränke serviert haben. Sie tranken Grog oder Whisky, Tee mit Rum oder heiße Schokolade und ganz bestimmt einen starken Kaffee. Was gäbe ich für ein Glas Wasser und ein trockenes Brötchen! Auch wenn es vom Vortag normalerweise im Müllschlucker gelandet wäre – für mich in dieser Situation eine Delikatesse.

Meine Gedanken schweiften ab:

Auf Teneriffa, in meiner Stamm-Bar, wo der erste Souschef und ich bei den letzten Reisen ein kleines Geschäft angebahnt hatten, würden der Barmann und der Patron vergeblich auf uns warten.

Auf jeder Reise gab es die berühmten Welcome- und Farewell-Partys. Zu diesen speziellen Abendessen war Kaviar Pflicht. Eine Zwei-Kilogramm-Dose vom feinsten Beluga-Kaviar wurde pro Party vom Proviantmeister freigegeben. Ein aus Eis geschnitzter Vulkanberg, der den Teide auf Teneriffa darstellen sollte, war immer auf dem Buffet und in den Krater kamen dann diese zwei Kilo Kaviar. Niemand beschwerte sich – wusste doch niemand, dass sich im Krater nur ein Kilo dieser feinen Delikatesse befand.

 Zweimal ein Kilo macht zwei und diese zwei Kilo wurden dann von mir an Land geschmuggelt. Dem Küchenchef oder dem Proviantmeister wäre nie in den Sinn gekommen, dass das Personal so klaute.

An Land, in unserer Bar, gab es dann für diesen Kaviar Bares – Dollar oder Peseten. Und für Peseten gab es Señoritas und reichlich Cuba-Libre. Auf Rum-Cola und die Señoritas musste ich erst einmal verzichten. Im Moment hatte ich nur Hunger und Durst.

Es war zwei Reisen her, da hatte ich – wie immer – die Aufgabe, die besagte Zwei-Kilo-Dose an Land zu schmuggeln, was mir auch gelang. Doch hatten wir nicht gewusst, dass unsere Bar Betriebsferien hatte und geschlossen war. Den Kaviar zurückzubringen war sinnlos, das Risiko entdeckt zu werden, war zu groß. Also versuchten wir, unsere Ware bei der Konkurrenz unterzubringen – ohne Erfolg. So blieb nur noch der eigene Verzehr übrig.

Wer schon einmal so dumm war, Kaviar aus Suppentassen und mit Suppenlöffeln zu essen, der weiß, wovon ich spreche und mit welchen Bauchschmerzen ich folglich zu kämpfen hatte. In meinem Bauch brannte ein Feuer, das nicht einmal mit sehr viel Cuba-Libre zu löschen war. Obwohl wir schon einige Damen zu unserer Kaviar-Party eingeladen hatten, konnten wir unsere Beute nicht vollständig vernichten. Den Rest des „Fischeier-Dinners“ gaben wir den Anwesenden im Lokal und begaben uns an Bord. Ich glaubte, die winzigen Störeier hatten sich zu Enteneiern entwickelt, so fühlte es sich in meinem Magen an.

Auch die zehn Liter Wasser, die ich noch in der Nacht trank, konnten den Brand nicht löschen. Bis Mittag brauchte ich, um den Kaviar ruhigzustellen. Ich schwor mir, dass ich nie wieder auch nur ein Gramm von diesem Zeug zu mir nehmen würde!

Alles keine schönen Gedanken, wenn man durstig und müde ist sowie Hunger und höllische Angst hat. Ich hämmerte mir immer wieder ein, dass ich doch noch am Leben sei. Doch meine Gedanken bekamen immer mehr schwarze Löcher.

Die Realität holte mich aus meinen halbwachen Träumen. In der einen Hälfte meiner Fantasie sah ich ein Schiff auf mich zukommen. Doch die andere Hälfte versagte und gaukelte mir vor, ich sei im Himmel. Allerdings wollte man mich dort nicht haben und warf mich hinaus. Ich fiel vom Himmel in einen riesengroßen Trichter, der mich immerzu im Kreise herumwirbelte und mich dann mit gurgelnden Soggeräuschen in ein brodelndes Meer entließ. Es war meine Mutter, die mich aus diesem Hexenkessel herausholte und mir das Leben schenkte.

Ein Film lief an mir vorüber, der genau mit meiner Geburt begann. Ich fand es komisch, dass ich meine Ankunft auf dieser Welt so sehen konnte, wie es wirklich war…

Ein "Winzling" im Vergleich zu den Heutigen "Kreuzfahrern"
Ein „Winzling“ im Vergleich zu den Heutigen „Kreuzfahrern“

Lakonia Brennend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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