Die Hochzeit und eine verschenkte Malediveninsel

Die Hochzeit und eine verschenkteMalediveninsel
Charma war ihr Künstlername. In Ihrem Pass las ich den
Namen Chitra. Aus der Tänzerin Charma war nun meine Frau
Chitra geworden.
Wir waren auf dem Standesamt und wurden ceylonesisch
getraut. Mein Trauzeuge war der Kapitän und Chitra hatte
einen Onkel aus ihrer Verwandtschaft, der Sprecher im
Parlament war. Dann waren ihre Mutter und einige
Freundinnen von ihr anwesend. Beide waren wir 23 Jahre jung
und glaubten fest daran, dass der 16. Juni 1965 unser
Glückstag werden sollte. Die große Hochzeitsfeier war im
Chinarestaurant mit dem schönen Namen „Golden Lotus“ und
endete gegen 3 Uhr in der Frühe.
Die komplette deutsche „Arsterturm“- Besatzung war
anwesend, einige Mädchen aus dem Tropicana und dem Büro
der Reederei-Agentur, sowie auch zwei Herren von der
Botschaft, alles zusammen 34 Personen, die mein Budget
gerade noch im Bereich des Bezahlbaren hielten. Ich hatte die
Briefumschläge aus meiner Einkäufer-Zeit in Kuwait für so
einen Tag oder einen größeren Heimaturlaub gebunkert. Nun
konnte die Rückreise erfolgen. Die Mutter von Chitra
verabschiedete sich sehr früh und der Trauzeuge meiner Frau
übergab uns einen Brief, den wir noch vor unserer Abreise
beantworten sollten. Es sei sein Hochzeitsgeschenk. Wir
hatten einige brauchbare und einige unbrauchbare Geschenke
erhalten.
Den Brief öffneten wir am nächsten Tag und ich war über
den Inhalt sehr überrascht. Es war ein Brief im Brief, und
dieser Brief kam von der Inselregierung der Malediven und
offerierte eine Insel für 2000 Dollar auf 99 Jahre zur Pacht. Ich
fragte den Onkel meiner Frau, ob dies ein Witz sein sollte. Er
war fast beleidigt und erklärte mir, dass die Malediven einige
Inseln für eine gewisse Summe auf 99 Jahre verpachten
würden.
Er hätte so ein Angebot bekommen und an uns
weitergegeben. Ich konnte den Wert des Briefs nicht
verinnerlichen: Erstens gingen wir nach Deutschland, zweitens
könnte ich eine Insel im Indischen Ozean nicht gebrauchen
und drittens wäre eine Insel ohne Trinkwasser keine 2000
Dollar wert. Wir bedankten uns trotzdem sehr und lehnten das
Angebot ab. Dann beehrten wir noch die deutsche Botschaft,
um uns als Ehepaar registrieren zu lassen und erfuhren, dass
wir in Berlin auf dem Standesamt Nr. 1 registriert waren, dem
Standesamt für Ausländerehen. Mit etwas schiefem Blick
wünschte mir der Beamte noch viel Glück. Ausländerehe?
Was war das? Was und wer ist Ausländer? War ich nun ein
Ausländer? Mein ganzes Leben war ich nun schon im
Ausland. Zuerst war ich in Deutschland so eine Art Ausländer
und nun bin ich im Ausland und bin schon wieder ein
Ausländer. Bis auf meine Lehrzeit, da war ich Sklave.
Nun war ich also mit einer Ausländerin verheiratet. Was
würde ich in meiner Heimat, dem Riesengebirge sein, dort wo
ich geboren bin? Heute regieren dort die Tschechen. Sollte ich
einmal dorthin zurückgehen, um eventuell Urlaub zu machen
und mir bewusst meine Geburtsstätte ansehen zu wollen, wäre
ich schon wieder im Ausland. Hatte ich ein Zuhause, eine
Heimat? Nein – aber ich hatte eine Frau. Was mache ich mit
ihr, wenn ich wieder zur See fahren wollte? Unmöglich, jetzt
musste ich mir eine Stelle an Land besorgen. Auch konnte ich
nicht mehr bei meinen Eltern wohnen.
Ich merkte plötzlich, dass da noch sehr viele offene
Fragen waren. Heiliger Neptun, steh‘ mir bei. Aber der erhörte
mich nicht. Dafür meldete sich mal wieder mein kleiner
Kobold. In Deutschland eine Gaststätte zu eröffnen sei doch
eine gute Idee, meinte er.
Asiatische Küche, leckere Currys, natürlich auch
Schnitzel und Bockwurst für meine nicht so weit gereisten
Gäste. Ich war nun fast 24 und noch nicht bei dem Militär
gewesen. Also würden die mich noch holen und dann? Wohl
doch nichts mit der Kneipe. Überhaupt erst einmal abwarten
und sehen, wie viel Geld ich zur Verfügung haben würde,
wenn wir in Bremen ankamen. Die reinen Fahrtkosten der
Überfahrt meiner Frau waren umsonst, aber das
Verpflegungsgeld von 4,80 DM wurde mir für jeden Tag, an
dem meine Frau an Bord war, abgezogen.
Am 17.09.65 erreichten wir Bremen. Die Reise verlief
sehr ruhig und angenehm. Es war wunderschön, jeden Tag mit
Chitra zusammen zu sein. Noch schöner waren die Nächte mit
ihr. Es gab da ein paar Kleinigkeiten, wie zum Beispiel meiner
Frau das Kartoffelessen beizubringen oder Rotkohl mit
Knödeln, auch das Sauerkraut machte ihr große Probleme. Zu
unserem so geliebten Graubrot sagte sie, wir würden
Pappkarton essen. Ich hatte noch Dosen Pumpernickel für
besondere Anlässe. Ich versuchte erst gar nicht, ihr diese
Delikatesse anzubieten. Reis zum Frühstück, Reis zum Mittag
und Reis am Abend. Welcher Mitteleuropäer könnte das
überleben? Eine Asiatin schon. Sie hatte sich vor unserer
Abreise noch grauenhafte Dinge zum Essen eingekauft und
davon lebte sie.
Stinkende Fische.
Und verdächtig scharf aussehende Gewürze – alles was
verdächtig scharf aussah, war unter Garantie scharf.
Der riesige Blechbehälter, der aussah wie ein Sarg, war
vollgestopft mit dieser Art von Nahrungsmitteln.
Dazu kamen Saris, Sandalen, Unterwäsche, etwas
Goldschmuck und wieder Mengen von Trockenfisch,
Gewürzen und rote Chilis für hundert Jahre. Drei Monate auf
See mit kurzen Stopps zum Bunkern und zur
Proviantaufnahme. Alles Häfen ohne Landgang, was sollte
jemand auch in Port Sudan, Dschibuti oder Aden.
Dann noch durch den Suezkanal und wir waren fast zu
Hause.
Beirut, Limassol, Istanbul und Tanger waren noch auf
unserer Anlaufliste, wohl alles Tee – Abladehäfen. Und nur
noch durch die Straße von Gibraltar, die Biskaya, den
Ärmelkanal und wir waren in Bremen. Was ich sonst immer in
den Häfen gesucht hatte, war doch nun alles täglich und auch
in der Nacht zu haben.
Ich konnte nun, ohne an Land zu gehen, bumsen, wann
ich wollte, soviel ich wollte oder konnte, denn Chitra wollte
auch immer – das läge wohl an der Seeluft sagte sie.
Verheiratet sein war schön, man brauchte die Kammer nicht
sauber zu machen, das Bett war gemacht und die Wäsche
gewaschen.
Keine Gedanken daran, wann und wo man die nächste
Frau haben kann, keine Sorgen um untreue Freundinnen. Man
konnte sich auch einfach nur mit Chitra unterhalten. Und
versuchen, ihr die deutsche Sprache beizubringen.
Sie konnte keinen Brocken Deutsch, nur das etwas
indisch klingende Englisch mit dem gewissen Singsang in der
Aussprache.
Mein Englisch war auch nur auf Seefahrerniveau stehen
geblieben. So kam es schon mal vor, dass es
Missverständnisse gab.
Wenn meine Angebetete „I am hungry“ zu mir sagte,
nahm ich sie in den Arm und fragte sie, über was sie sich
ärgern würde, ich würde schon alles in Ordnung bringen.
Aber zu essen bekam sie nichts.
Denn ich hatte „I am angry“ verstanden. Hungry –
hungrig, angry – ängstlich. Aber man lässt sich doch nicht von
so Nebensächlichkeiten unterkriegen. Alle an Bord versuchten
mit ihr Deutsch zu sprechen, besonders der Funker, der immer
freie Zeit hatte, bemühte sich sehr.
Von unterwegs, vom Mittelmeer aus, trug ich dem Funker
die Aufgabe auf, meinen Eltern ein Telegramm zu schicken.
Der Wortlaut war ungefähr so: „Ihr Lieben, habe in
Colombo geheiratet und werde ungefähr Mitte September bei
Euch zu Hause erscheinen. Liebe Euch. Gruß von eurem Sohn
und Schwiegertochter Chitra“
So überraschend kann eine Mutter, die einen verrückten
Sohn hat, zu einer Schwiegertochter kommen. Endlich kamen
wir, drei Monate nach unserer Abfahrt, in Deutschland an.
Eine so lange Zeit auf engstem Raum, bei Tag und Nacht, sich
nicht ausweichen könnend, wenn auch einmal negative
Emotionen schwingen das muss erst mal gelernt sein.
Doch wir schafften es ohne großen Schaden genommen
zu haben und waren beide froh, als unser Schiff in Bremen am
Kai festgemacht wurde.
Ich saß in meiner Kammer auf der besagten Blechkiste,
die aussah wie ein Sarg, und wartete auf den Zoll. An meinem
Küchenstore, sowie an meinem Zolllager, wo die Zigaretten
und der Alkohol lagerten, war nichts auszusetzen. In meiner
Kabine wurde es etwas ernsthafter.
Auch hier wurde gefragt, ob ich persönliche Sachen nach
einem so langen Aufenthalt an Bord zu verzollen hätte. Zu viel
Alkohol, Zigaretten, Tabak oder Rauschgifte? Ich verneinte
dies alles.
Aber ich erklärte dem Zöllner, dass ich eine Ceylonesin
und einen Elefanten zu verzollen hätte, falls es auf solche
Artikel Zoll gäbe.
Er schaute mich etwas vorwurfsvoll an und meinte, ob
meine Persienreisen mir nicht bekommen seien. Bestimmt
kannte er den Spruch von dem Freimord oder der „AuaKlinik“ nach einer gewissen Anzahl Persienreisen.
Ich solle ihn bitte für voll nehmen, er sei schließlich ein
Beamter, ermahnte er mich. In diesem Moment kam meine
Frau zur Tür herein. Sie war auf der Brücke gewesen, um sich
von den Leuten dort zu verabschieden.
Der Zollbeamte war etwas nervös und wollte wissen, ob
diese Frau zu den Indern oder den Pakistanis an Bord gehöre.
Ich klärte ihn auf und sagte ihm, dass sie meine Ehefrau sei.
Etwas kleinlaut geworden, fragte der Zöllner nun doch noch
mal zaghaft nach dem Elefanten.
Aber ich konnte ihn beruhigen – der Elefant war aus
Rosenholz und noch im Trockenmagazin. Kontrolle musste
sein und so inspizierten wir den Dosenraum und den
Elefanten.
Nachdem meine Frau ihren Einreisestempel bekommen
hatte, durfte ich mit Frau, Elefant und einer Blechkiste, die
aussah wie ein Sarg, an Land gehen.
Wir waren nun ein Ehepaar mit einem Elefanten von
70 kg und einem sargähnlichen Koffer, und ganz legal in
Deutschland.
Der Taxifahrer hatte Probleme mit dem Koffer und dem
doch etwas schweren Elefanten aus Rosenholz. Die Blechkiste
passte nicht in den Kofferraum.
So gab es nur zwei Möglichkeiten: noch ein weiteres Taxi
oder eines mit Gepäckträger.
Da ich meinen sozialen Tag hatte, bestellten wir noch ein
Taxi, das unser Gepäck mitnahm.
In einem anderen Land hätte ich mich das nicht getraut,
denn der mit dem Gepäck hätte den Flughafen garantiert nicht
gefunden. Doch da wir in Deutschland waren erreichten beide
Taxen zur gleichen Zeit den Flughafen. In Frankfurt
angekommen, hatte ich das gleiche Problem mit meinem
Gepäck.
Dazu kam, dass wir sehr exotisch aussahen. In Bremen
fielen wir nicht so auf wie hier in Frankfurt. In einer
Hafenstadt sieht man öfter fremde Seeleute, die etwas exotisch
aussehen oder Exoten sind.
In Frankfurt dagegen fielen wir schon mehr auf: Meine
Wenigkeit in einem Safarianzug, den ein Maßschneider in
Bombay vor zwei Jahren in sechs Stunden angefertigt hatte.
Dazu kamen weiße Sandalen und das Mehrgewicht, das ich
mir in zwei Jahren angefressen hatte.
Meine zierliche Frau war mit einem Sari gekleidet und
hatte auch Sandalen an, die aber schwarz waren. Chitra hatte
lange, pechschwarze Haare, die wie jetzt, wenn sie nicht
hochgesteckt oder geflochten waren, bis unterhalb des Popos
reichten.
Dann waren da noch unser Elefant, den man nicht
übersehen konnte und die Blechkiste, die aussah wie ein Sarg.
Man betrachtete uns wie Außerirdische.
Von Beginn an wies ich auf die Kiste und verlangte
gleich einen Wagen mit einem Dachgepäckträger, den wir
dann auch bekamen. Der Fahrer bugsierte die Kiste mit einem
Kollegen zusammen auf das Dach. Der Elefant kam auf den
Beifahrersitz.
Und wir durften hinten einsteigen. Der Fahrer war
zufrieden mit dem Ziel unserer Reise. Es waren immerhin
knapp hundert Kilometer.
Die Autobahn in Richtung Kassel-Hannover kam mir
vor, als ob alles von oben an einem Faden dirigiert würde. Die
wahnsinnige Geschwindigkeit und die uns
entgegenkommenden Autos auf der Gegenbahn machten mir
und auch Chitra Angst. Solche Geschwindigkeiten waren wir
nicht gewohnt. Ich nicht mehr und sie hatte solche
Geschwindigkeiten überhaupt noch nicht erlebt.
Wir waren beide froh, als der Fahrer auf Landstraßen
weiterfahren musste und wir bald zu Hause sein würden. An
einer Tankstelle machte unser Fahrer einen Tankstopp und zu
unser aller Überraschung war mein Vater der Tankwart. Er
war an dieser Tankstelle der Zapfmeister und dazu noch der
Autovermieter – und ich wusste es nicht.
Meine Schreibfaulheit kam immer wieder zur Geltung.
Wir begrüßten uns wie zwei Menschen, die nicht allzu viel
voneinander hielten, sehr kühl. Mein Vater meinte nur, wenn
ich zu Hause ankomme, würde ich eine heikle Begrüßung
bekommen. Über meine Frau im Taxi machte er keine
Bemerkung, ich war nicht sicher, ob er sie überhaupt
wahrgenommen hatte oder nur ignorierte. Noch mal zwölf
Kilometer weiter waren wir am Ziel unserer Reise
angekommen.
Nachdem wir das Taxi ausgeladen und den Fahrer
entlohnt hatten, saß meine Frau gegenüber der Tür auf der
Sargkiste und ich läutete. Die Tür öffnete sich und meine
Mutter trat heraus.
Was der Auslöser war, weiß ich nicht. Aber Mutter fiel
in eine Ohnmacht.
Ich konnte sie auffangen und sie war sofort wieder bei
uns. Da ich sie schon in den Armen hatte, ging ich gleich in
eine herzliche Begrüßung über.
Die Reaktion über die Freude des Wiedersehens war
schnell verflogen und machte Erstaunen Platz. Wer die Frau
sei, war die überflüssige Frage meiner Mutter.
Ich stellte also Mutter und Chitra gegenseitig vor. Später
im Wohnzimmer fragte ich Mutter, ob sie nicht ein
Telegramm vom Schiff erhalten hätte.
Das Telegramm war angekommen. Aber da der Name
Chitra war, dachte sie, dass der Funker einen Schreibfehler
gemacht hätte. Dass es Christa heißen sollte. Daher hatten
meine Eltern angenommen, dass ich eine Deutsche unterwegs
kennengelernt und geheiratet hatte. An eine Inderin hatten sie
nicht gedacht. Mutter erklärte ich erst einmal, dass Chitra
Ceylonesin sei.
Ich hatte geahnt, dass schwere Zeiten auf mich
zukommen würden. Nun war die Zeit der Erklärungen
gekommen. Wahrscheinlich müsste ich das ganze Dorf oder
sogar die ganze Region aufklären, dass ich mit einem
Menschen verheiratet war und nicht mit einem wilden Tier.
Mein Tier – ein Tamile-Tiger, so nannte ein Freund von mir
Chitra, hatte zwei Füße, war etwas dunkel und konnte die
Sprache der hiesigen Eingeborenen nicht sprechen, halleluja!
Christa und Chitra – diese beiden Namen waren wirklich
sehr leicht zu verwechseln.
Doch Mutter und auch Vater mussten sich daran
gewöhnen, dass es eine Chitra aus Ceylon war, sie goldbraune
Haut und pechschwarzes Haar hatte, das ihr bis über den Popo
ging, die einen Sari trug und jetzt die Schwiegertochter war.
Und eben keine blonde Christa. Und einen Vorteil fand meine
Mutter schon, nämlich dass Chitra Christin und keine Heidin,
Buddhistin, Hindu oder Muslima war.
Ich war überzeugt, dass sie sie nach einiger Zeit doch
noch als Schwiegertochter aufnehmen würde. Später am
Abend, als Vater von der Arbeit kam und Chitra schon zu Bett
gegangen war, saßen wir drei zusammen.
Ich möchte fast von einem Kriegsrat sprechen, denn eine
etwas kämpferische Stimme hatte ich schon und verteidigte
Chitra mit vollen Kräften. Mir war bewusst, dass wir auf dem
schnellsten Wege entweder eine Arbeit für mich suchen
mussten. Oder eine Gaststätte, in der wir beide eine Arbeit
hätten. Eine Wohnung war sowieso fällig, denn ich wollte
nicht der ewige Untermieter bei meinen Eltern sein. So
beschlossen wir, eine Speise – Gaststätte für uns zu suchen.

https://www.weltbild.de/artikel/buch/mein-traum-frei-zu-sein_22048852-1

MORIA und die Migranten

Die Zeltstadt in Saudi-Arabien

Moria,die Flüchtlingsnot

Es muss doch irgend einen Weg geben die Saudis dazu zu bewgen,dass sie Ihre Glaubensbrüder in derer Not in ihrer Zeltstadt aufnehmen!  Warum Boykotiert man denn den Öllieferanten und High -Tech Waffen Importer nicht? Warum zwingt man die Saudis nicht dazu,Flüchtlinge aufzunehmen? Platz für ca. DREI (3) MILLIONEN…. JA,drei Millionen Personen haben Platz in der High-Tech Zeltstadt!! 

 

ODER:

Warum Chartert man nicht ein ausrangiertes Passagierschiff / Fährschiff und bringt dort die Flüchtlinge unter, bis man weiß,wer bleibt und wer muss zurück!  Aber die Herrschaften in Brüssel,brauchen einfach zu lange um alle 27(?) Mitglieder zu einem Ergebnis zu bringen…arme EU.

https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/MV-Werften-Erste-Arbeiter-beziehen-Wohnschiff-,wohnschiff124.html

Warzen-Elly und persische Delikatessen

Warzen-Elly und persische Delikatessen.                                                                                                           (Auf einem neuen Schiff angemustert)
Das waren ja schöne Zustände auf diesem Schiff! Ich
hoffte, dass alles gut gehen würde. Schnell lebte ich mich ein
und fand Anschluss an die zu meinem Arbeitsfeld gehörenden
Kollegen.

So kam es, dass ich mit unserem Steward Walter an
Land ging und auch so mit ihm gut auskam. Die „Trautenfels“
war ein sehr neues Schiff, ein Schwergutfrachter, und sie
konnte mit eigenem Ladegeschirr bis zu 500 Tonnen laden und
auch löschen, ohne dass sie einen Kran von Land benötigte.
Doch ich interessierte mich nicht für solche technischen
Sachen. Ich war schon froh, dass man mich benachrichtigte,
wenn so schwere Sachen an den Haken kamen. Denn dann
musste ich die Schlingerleisten anbringen, sonst wären die
Töpfe vom Herd gerutscht. Im Prinzip war es derselbe Ablauf
wie auf dem letzten Schiff.

Trautenfels-01
Es war wieder einmal Zeit, meinen Geburtstag zu feiern.
Natürlich musste ich einige Biere unter das Volk bringen,
doch eine richtige Feier wollte ich nicht. Es gab zwar den so
genannten „Wodka-Schuppen“. Dieses Etablissement leitete
eine Perserin mit dem sehr seltenen und etwas seltsamen
Namen „Warzen-Elly“. Man kann sich denken, woher der
Name kam – sie hatte das Gesicht voller Warzen. Bei ihr
wollte ich nicht feiern. Meinen neuen Freund Walter lud ich
ein, mit mir an Land zu gehen. Ich hatte von unserem
Schiffsagenten gehört, dass es in Abadan ein Hotel mit einer
sehr netten Bar gäbe. Da fuhren wir hin. An Bord kannte die
Bar zum Glück kaum jemand so konnte ich mit Walter in
Ruhe einige Drinks nehmen.

Abadan_the_city_of_Oil
Die Bar war angenehm klimatisiert, nett beleuchtet und
sehr sauber. Man konnte meinen, in Europa zu sein.
Zu unserer Überraschung fanden wir auch noch zwei
nette und gut aussehende Barfrauen vor. Natürlich nahmen wir
an der Bar und nicht an einem der Tische Platz, allein schon
um näher bei den Damen zu sein. Vielleicht konnte man ja ein
Gespräch anfangen. Außer uns waren nur Amerikaner in dem
Laden. Die Anzahl der leeren Bierdosen auf den Tischen
zeugte von reichlichem Verzehr. Auch neben uns saßen drei
der Amis und tranken ihr Dosenbier. Wir nahmen Becks-Bier
in Flaschen. Nach Mitternacht waren nur noch die drei und wir
beide am Tresen. Die Tische waren schon alle leer und wir
konnten uns mit den Barfrauen unterhalten. Natürlich kamen
die normalen Fragen: Woher wir kämen, was wir hier machen
würden, wie lange wir bleiben würden und so erzählten wir
unsere Geschichte. So war es in jedem Land, in jedem Puff
und in jeder Bar. Doch diese beiden Frauen waren anders. Als
sie hörten, dass wir Deutsche sind, wollten sie viel mehr
wissen. Einer der Amis verabschiedete sich von den anderen
und es blieben nur noch die beiden und wir zwei übrig. Ich
wurde das Gefühl nicht los, dass die beiden auf die Barfrauen
warteten. Sie spendierten den Frauen einen Drink nach dem
anderen und achteten gar nicht darauf, ob die Frauen sie auch
tranken – das war ihnen völlig egal. Doch schon einige Zeit
unterhielten sich die Frauen nur noch mit uns und servierten
uns unaufgefordert Bier. Irgendwann wollten wir bezahlen.
Doch anstatt uns die Rechnung zu geben, wurden die Amis
abkassiert und zur Tür gebracht. Laut protestierend und schon
sehr schwankend verschwanden sie dann auch. Als letzte
Gäste fragten wir wieder nach der Rechnung. Als Antwort
schob mir eines der Mädchen zwei Schlüssel mit Nummern
zu. Wir sollten die Türe neben der zur Toilette nehmen und in
den zweiten Stock gehen.
Dort fänden wir die Zimmer und sollten warten. Das mit
der geraden Nummer sei ihres. Ich wollte wissen, was das
alles werden sollte. Die Antwort war eindeutig: Die Rechnung
sei beglichen, wir sollten keine Fragen stellen und in den
Zimmern warten. Ich packte Walter am und zog ihn mit mir in
Richtung Tür. Walters fragender Blick nötigte mir eine kurze
Erklärung ab und ich schob ihn in das Zimmer mit der
Nummer 21. Ich wollte gegenüber im Zimmer 20 warten.
War das etwa ein Geburtstagsgeschenk von meinem
Kobold?
Ich glaube, ich habe noch gar nicht diesen kleinen Kerl
erwähnt – nein, ich meine nichts Unanständiges. Der Kobold
trat immer dann in meinem Leben, wenn etwas nicht normal
ablief.

Also war er praktisch mein ständiger Begleiter. Meist
setzte er sich auf eine meiner Schultern. Auf die linke, wenn er
böse war oder mich zu etwas verleiten wollte, was nicht gut
für mich war. Auf die rechte, wenn er wohl gesonnen war und
mit etwas Gutes tun wollte. Heute spürte ich ihn allerdings im
Genick – etwas Neues. Mal abwarten, für welche Seite er sich
noch entscheiden würde. Links der Schweinehund und rechts
der Liebe.
Ich schloss die Tür zu Zimmer 20 auf und trat in ein ganz
normales Gästezimmer mit vielen herumliegenden
Frauenklamotten. Natürlich hatten wir an der Bar im Gespräch
die Namen der Frauen erfahren. In Zimmer 20 war Sierien,
und in 21 Sara. Ich musste an meinen 19. Geburtstag denken
und fragte mich, ob ich diesmal mit einem „guten“ Mädchen
feiern würde. Mir fiel eine Lebensweisheit ein, die mir der
Bootsmann auf der „Freienfels“ erzählt hatte. Die ging
ungefähr so: Gehst du zu einer Nutte, vergiss, dass du bezahlt
hast. Egal wie viel. Sei einfach nett zu ihr und behandele sie
so, als ob es deine Freundin oder deine Frau wäre. Sie wird es
dir danken, indem sie dich nicht als Freier sieht, sondern als
Freund. Achte sie, verachte sie nicht. Hast du eine feste
Freundin oder bist verheiratet, denk dran, dass du bezahlt hast
und du für dein sauer verdientes Geld das haben willst, wofür
du bezahlt hast. Also sollte ich jetzt nett zu Sierien sein.
Allerdings war doch vom Bezahlen gar nicht die Rede
gewesen. Das ging doch hier irgendwie um Sympathie, oder
sollte ich mich da getäuscht haben? Kam da noch eine
Rechnung? Wenn ja, würde ich abhauen!
Sierien kam ins Zimmer, mir wurde ganz komisch und
ich kämpfte mit dem Gedanken, wegzulaufen. Aber ich tat es
nicht, sondern genoss die Nähe dieser Frau. Sie setzte sich
neben mich auf das Bett und erklärte mir, sie würde mich sehr
sympathisch finden. Im Gegensatz zu den Amerikanern, die
sie nicht ausstehen könnte. Amis seien immer so arrogant und
wären der Ansicht, die Welt würde nur ihnen gehören. Sie
würden immer noch meinen, dass jeder, der nicht Amerikaner
sei, noch als Sklave zu behandeln sei. Aus dem Grunde
kassierte sie die Amis ab und ließ uns das Bier zukommen.
Unsere Zeche hatten also die Amerikaner bezahlt – das hörte
sich doch gut an! Wenn die so doof waren und es nicht
merkten, so what! Ich wollte wissen, was die Amis in Abadan
machten. Sie wusste, dass in der Nähe eine große Öl Raffinerie gebaut würde. Die Amerikaner waren dort
Geldgeber, Entwicklungshelfer und sicher später die
Nutznießer beim profitablen Ölfluss. Da war mir auch sofort
klar, warum die „Hansa“ so viele Waren aus Amerika in den
Golf brachte. Auch ein Flughafen wurde mit Hilfe der
Amerikaner gebaut. Ich hatte schon gemerkt, dass fast überall
im Golf die Amerikaner waren, ob im Irak, in den Emiraten
oder hier in Persien. Ihre Schiffe, die noch aus dem letzten
Krieg stammten, die so genannten Liberty- Schiffe, sah man
ständig im Golf und auf See.

Liberty Schiff
Foto:John W. Brown, Museumsschiff.

Wie überall im Orient so auch hier: Wenn man es sich
leisten konnte, ging man nicht vor 2 Uhr morgens ins Bett.
Doch hier war es arbeitsmäßig bedingt.
Die Mädchen mussten so lange aufbleiben und das wohl
jeden Tag. Somit war der Service nicht überrascht, wenn um
diese Uhrzeit noch Essensbestellungen an die Küche kamen.
So war es auch jetzt. Walter und Sara waren zu uns
herübergekommen und die Mädchen hatten etwas zu essen
bestellt. Weder Walter noch ich hatten bisher richtig Persisch
gegessen und waren gespannt, was da wohl kommen würde.
Wir waren überrascht, was da auf einem riesengroßen runden
Tablett angeschleppt wurde. Es war mit Schüsseln und Tellern
beladen – ein Wahnsinn! Um diese Uhrzeit solch eine Menge
Essen aufzutischen! Meine Neugier erwachte und ich wollte
von Sierien wissen, was das alles sei, wie es heißt und wie es
gemacht wurde.

Essen Iran

https://irancuisinetours.com/were-honered-to-be-your-host/
Sie holte Papier und Kugelschreiber und ich fing an, mir
alles aufzuschreiben. Während wir aßen, erklärte sie mir die
köstlichen Sachen. Die ovale Platte war beladen mit:
 ***„Burma Tak“. Das sind gefüllte, wild gewachsene
Weinblätter. Die Füllung besteht aus einer Farce, je zur Hälfte
Hammelfleisch und Hühnerleber und mit ebenso vielem halb
gar gekochtem Reis vermischt. Die Blätter werden damit
gefüllt, gerollt, in Salzwasser gekocht, abgetropft und
schwimmend in Fett gebacken.
In einer anderen Schüssel war „Mehemalou“. Das heißt
auf Deutsch ganz einfach „Lammragout“: Lammfleisch wird
in grobe Würfel geschnitten und mit Zitronensaft, gehackten
Zwiebeln, Knoblauch, Lorbeerblättern und zerdrückten
Pfefferkörnern sowie Nelken mariniert. Alles zusammen wird
in Hammelfett scharf angeröstet, mit Mehl bestäubt und mit
Hammelbrühe aufgegossen. Salz, Zucker und Safran werden
beigefügt, alles wird halb gar geschmort. Dann entsteinte und
eingeweichte Backpflaumen sowie getrocknete Muskattrauben
beifügen und fertig schmoren. Die Soße wird mit
Traubensirup vervollständigt und mit gehobelten, gerösteten
Mandeln und frischen Pistazien bestreut.
In der nächsten Schüssel war „Djudje – Rob ‚h-e Anar“.
Dafür gibt es keine Übersetzung. Es sind Hähnchenteile in
einer Granatapfelsoße.
Noch blutige Hähnchenteile werden gebraten. Der
Bratensaft wird mit etwas Zitronensaft abgelöscht, zerdrückter
Knoblauch, geriebene Zwiebel, Granatapfelsaft und je eine
Prise Zucker, Salz und Pfeffer werden aufgekocht.
Die Hühnerstücke werden in der Soße gar gezogen und
mit gehackten Kräutern wie Basilikum, Dill, frischem
Koriander, Petersilie und Bohnenkraut bestreut. Dazu gibt es
den leckeren, körnig gekochten Reis.
Die Nationalspeise durfte natürlich nicht fehlen: Djelou –
Khabab“. Dieses Gericht bekommt man in ganz Persien in
jedem noch so kleinen Restaurant oder in jedem
Überlandrestaurant an den Fernstraßen: Hammel- oder
Lammfilet wird dünn geklopft, mit Salz, Pfeffer und Kurkuma
gewürzt, durch Stärkemehl gezogen und am Holzfeuer
gebraten. Der Reis bekommt einen dicken Klecks Butter
darauf und fertig.Langsam leerte sich das große, runde Kupfertablett und
unsere Mägen füllten sich. Ich konnte nicht mehr. Doch da
war noch der Nachtisch, eine Schale mit fast schwarzen
zuckersüßen Datteln. Wie würde jetzt noch das Dessert
ausfallen?  Es gab keine Steigerung! ***

Doch da hatte ich michgetäuscht. Nachdem der Kellner die leeren Schüsseln und
Teller abgeräumt hatte, gingen Walter und Sara auf ihr
Zimmer und wir waren nun endlich alleine und begaben uns in
ihr Bett, wo ich dann mein Dessert bekam.
Wir tasteten uns langsam voran. Jeder hatte wohl Angst
etwas Falsches zu tun. Ich hatte keine Ahnung wie eine
Perserin, eine Muslimin, im Bett sein würde.
Ungewohnt war schon, dass sie rasiert war und keine
Schamhaare hatte. Ich hatte eine ganz verkehrte Vorstellung,
wie eine Muslimin im Bett sei. Es überraschte mich, dass sie
alles so machte, wie eine Europäerin oder Inderin es auch tut.
Der einzige Unterschied waren der Körper und die rasierte
Muschi.
Man hatte mir erzählt, dass Araberinnen oder überhaupt
die Frauen aus dem Orient, sich nur steif hinlegen und sich
befruchten lassen würden, doch das stimmt nicht. Die fahren
genauso ab, wie die anderen auch, man muss sie nur fordern
und fördern.
Es war eine Erfahrung, die ich nicht missen wollte und
deswegen waren Walter und ich fast jeden Tag, den wir in
Abadan lagen, in der Bar. Aus Berechnung gingen wir erst
sehr spät von Bord, so mussten wir nicht so lange auf die
Frauen warten und auch nicht so viel trinken. Unsere
Kameraden an Bord wunderten sich nur, wo wir wohl immer
hingehen würden. Doch unser Geheimnis behielten wir für
uns. Man munkelte schon, dass wir zwei schwul seien und uns
mit Einheimischen einlassen würden. Wir legten kein Veto ein
und ließen sie in diesem Irrglauben- wir konnten damit leben.
Besser so, als dass die halbe Besatzung in der Bar aufkreuzte.
Walter und ich kamen eines Morgens wieder von unseren
Mädchen und mussten an Warzen-Ellys Wodkaschuppen
vorbei. Dort bemerkten wir einen riesigen Menschenauflauf.
Was war da los? Beim näheren Hinsehen war da nur noch ein
riesiger Bretter- und Steinhaufen, wo einmal der
Wodkaschuppen war. Polizei, Hafenverwaltung, unser
Kapitän, der Schiffsagent und noch viele andere wichtige
Leute sowie Warzen-Elly waren vor Ort. Wir wollten nicht
unbedingt gesehen werden und schlichen uns an dem ganzen
Spektakel vorbei auf unser Schiff. Dort erfuhren wir, was
passiert war:
Die Jungs von unserem Schiff waren im Wodkaschuppen
und wollten nicht gehen. Warzen- Elly aber wollte Feierabend
machen und rückte keinen Wodka und auch kein „Abjou“
mehr raus. „Abjou“ war das Wort für Bier und hieß „Wasser
vom Himmel“. So erklärte es mir ein Perser. Also schmiss
Warzen-Elly die angetrunkenen Jungen kurzerhand raus.
Eigentlich war alles wie immer – aber dieses Mal war einer
dabei, der die anderen aufhetzte und eine wirklich blöde Idee
hatte, die dann nicht so gut verlief. Man wollte der Wirtin eine
Lektion erteilen und einen Streich spielen. Alle waren
einverstanden: Unser Schiff lag nur 30m entfernt und es wurde
ein langes Stahlseil aus dem Schiffsstore geholt. Das eine
Ende wurde an der Winsch befestigt, den Rest des Drahtseiles
schleppte man um den Schuppen herum, zerrte das Seil zurück
zum Schiff und befestigte das zweite Ende an einer anderen
Winsch. Diese wurde aktiviert und das Drahtseil wickelte sich
um die nun laufende Winsch und zog das Seil straff und
immer straffer, bis es den Schuppen vom Erdboden löste und
dieser zusammenbrach.
Was übrig blieb, sahen wir am Morgen. Wer es nicht
weiß: Diese Winschen konnten bis zu 500 Tonnen liften
konnten, hatten also eine höllische Kraft. Der Schuppen von
Elly war da kein Hindernis.
Als der Schaden festgestellt war, wurden anteilig von den
beteiligten Seeleuten gewisse Summen an Dollar gefordert,
damit ein neuer Wodkaschuppen für Elly entstehen konnte.
Die Agentur bezahlte Elly vorab und den Beteiligten wurde
monatlich eine Summe von ihrer Heuer abgezogen. Diese
Lektion hatten sie gelernt.
Der Tag der Abreise kam und so auch der Abschied von
unseren Bardamen. Walter und ich waren beide sehr traurig,
doch so ist das nun einmal, wenn man Seemann ist. Aus
diesem Grunde hat ein Seemann wohl auch keine richtige,
feste Freundin oder es ist eine so starke Bindung vorhanden,
dass beidseitig auf vieles verzichtet wird – oder aber es wird
betrogen und gelogen. Aber das muss jeder mit sich selbst
ausmachen. Ich fand es so, wie Walter und ich das zu der Zeit
machten, war es ganz gut und tat niemandem weh. Ich war
sehr froh, dass ich keine Freundin hatte. So konnte ich
mitnehmen was ich wollte. Ich genoss das „Frei sein“ und
würde es so lange verteidigen, wie ich es für richtig hielt. Ich
würde mich von einer Frau so schnell nicht einfangen lassen.
Nur mit der Tänzerin aus Colombo, an die ich immer wieder
denken musste, würde es etwas ganz anderes sein……..bis zum nächsten mal…..

Mein Kindheitstraum erfüllt sich

Mein Kindheitstraum erfüllt sich

 

Zum Themendienst-Bericht von Michael Zehender vom 12. September 2017: GröÃter Rahsegler der Welt: Eigentlich sollte die «Flying Clipper» bereits 2017 getauft werden, jetzt wird es wohl 2018 so weit sein. (ACHTUNG – HANDOUT – Animation. Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung des nachfolgenden Credits.) Foto: Star Clippers/dpa-tmn | Verwendung weltweit

Mein Traum zur See zu fahren rührte sich wieder stärker. Aber von 12 Reedereien bekam ich 10 Absagen, weil sie keine Passagiere beförderten und für die Mannschaft keinen Konditor brauchten. Aber ein Brief aus Bremen machte mir Hoffnung. Er kam vom Absender D.D.G. Hansa. Schlachte 6

Diese Reederei wollte mich unter folgenden Bedingungen einstellen: 1. Wegen meines Alters sollte ich eine Einwilligung der Eltern erbringen. 2. Ich müsste vier Wochen lang in einem von der Reederei bewirtschaftetem Hotel einen Lehrgang machen. Danach könnte ich als Kochjunge anfangen. Hätte ich doch Bäcker oder Metzger gelernt – es wäre so viel einfacher gewesen.

Ich hätte sofort als Kochsmaat, also als zweiter Koch, anfangen können. Aber ich grübelte nicht lange, sondern ging auf das Angebot als Kochjunge ein! So würde ich also als Moses anfangen – das sind die Jungen, die keinen Beruf haben und erst an Bord eine Lehre anfingen. Auch die konnten es bis zum Kapitän schaffen – natürlich mit Schule in den Häfen, Fahrten auf See und wieder Schule. Das alles ein paar Jahre lang. So lief das.

Doch ich hatte ja einen Beruf – und musste trotzdem als Moses anfangen. Ich war Konditor und kein Koch – also musste ich noch einmal lernen. Mein Ziel war immer noch Schiffskoch. Es war ein harter Kampf mit Mutter. Vater war weniger besorgt doch Mutter meinte, dass Wasser keine Balken hätte.

Und überhaupt – was da auf dem Wasser alles passieren kann. Sie wisse das vom Krieg her – da sind so viele ertrunken, als das mit der „Gustloff“ passierte. Ihr Vater war als Maschinist auf der „Wilhelm Gustloff“. Mit noch ungefähr 9000 Menschen, die an Bord waren, ertrank er. Jetzt war mir klar, warum sie mich nicht zur See fahren lassen wollte. Nie hatte sie etwas von ihrem Vater erzählt. Irgendwann, irgendwo hatte ich einen Bericht über diese Tragödie gelesen.

Man weiß nicht genau, wie viel Seelen an Bord waren, als die russischen Torpedos das Schiff zum Sinken brachten. Es war in der Ostsee vor der polnischen Küste.

Bis heute möchte man diese ganze Sache um die „Gustloff“ am liebsten nicht erwähnen. 50 Was sind schon ein paar Tausend deutsche Flüchtlinge und eine Schiffsbesatzung, das waren sowieso alles Nazis. Da macht es doch viel mehr her, wenn man von einer „Titanic“ sprechen kann. Das waren „arme Millionäre“, die tragisch ums Leben kamen. In den Seekarten war der Untergangsort der „Gustloff“ als Hindernis 73 bekannt, doch wen stört das heute noch? Es waren doch nur 9000 Flüchtlinge aus dem Osten, die ihr Leben ließen. Bestimmt waren sie sogar die Erbauer der KZ‘s. So war das damals im Krieg.

Die „MS GUSTLOFF“

Aber jetzt war kein Krieg mehr, zumindest nicht in unserer näheren geografischen Umgebung. Krieg gab und gibt es immer und zu jeder Zeit auf dem Globus, nur hört man manchmal nichts davon. Ich wehrte mich gegen diese Art von Gesprächen und verteidigte die neue Welt der Seefahrt. Sterben konnte ich überall, dafür musste ich nicht aus dem Haus gehen. Es sterben viele Menschen sogar in ihrem Bett.

Ich hatte einmal eine Statistik gesehen, in der die gefährlichsten Tiere der Welt und die tödlichsten Angriffe weltweit pro Jahr aufgelistet waren. So erklärte ich Mutter, dass eine Million Menschen an Malaria, übertragen durch die Stechmücke sterben. Weitere vierzigtausend sterben durch Schlangenbisse, tausend durch Krokodile und weltweit knapp zweihundert durch Lawinen. Zweihundert werden von Nilpferden getötet, fünfzig durch Tiger – alles an Land lebende Tiere. Aber nur etwa fünfzehn oder zwanzig sterben durch Bisse von Haifischen – im Wasser lebende Tiere. Also schon deshalb war das Leben auf dem Wasser viel sicherer. Jetzt musste sogar Mutter etwas schmunzeln und meinte, dass ich mich sehr gut vorbereitet hätte. Um Nachdruck zu erzeugen, setzte ich noch einen darauf und erinnerte sie daran, dass ich bald einundzwanzig werden würde und dann ohne ihre Zustimmung machen könnte, was ich wollte.

Worauf Mutter meinte, ich würde doch jetzt schon machen was ich wolle. Ob am Ende meine Heulerei oder die Drohung, dass ich weg gehen und nie mehr zurückkehren würde den Ausschlag gab, kann ich nicht sagen – aber Mutter ergab sich und ich hatte ihren Segen. Meine Kündigung verlief einfacher als ich dachte. Der Backstubenleiter meinte nur, dass man Reisende nicht aufhalten sollte. Das brächte für keinen einen Vorteil.

Der Abschied von meinen Freunden machte mich etwas traurig, ich versprach aber allen, von überall Postkarten zu schicken. Dabei wusste ich genau, wie schreibfaul ich war. Ich bemerkte auch, dass einige meiner Sportkameraden etwas eifersüchtig waren. Eine Woche konnte ich noch bei meinen Eltern bleiben, dann packten Mutter und ich mein blaues Köfferchen, das nun schon seit fünf Jahren mein Begleiter war. Die längste Bahnreise, die ich nun alleine machen musste, brachte mich am 8. September 1960 zum Bremer Hauptbahnhof.

Bremer Hauptbahnhof

Von dort nahm ich ein Taxi zur Schlachte 6. Ich meldete mich bei einem Herrn Willman, der die Personalien führte und meine nächsten Schritte in die Wege leitete. Dann ging es zum Hotelschiff, auf dem ich die nächsten Wochen verbringen würde. Es hieß „Alibaba“ und lag auf der Weser verankert. Als Schulschiff fuhr es nirgendwo hin.

Das ist ALIBABA von der Hansa gewesen,

Ich arbeitete mit einem Kochsmaat, der auf ein neues Schiff wartete. Es war ein älterer Koch, den die Reederei nur behielt, weil er schon vor dem Krieg dabei war. Während des Krieges geriet er in Indien, genauer in Goa, in Internierung und heiratete eine Einheimische. Auch später blieb er dort, bis seine Frau verstarb und er wieder nach Deutschland zurückkam. Doch wegen seines Alters wollte ihn keiner mehr an Bord haben. Und so fristet er seinen Lebensabend auf der „Alibaba“. Wir waren dann wohl so etwas wie Alibabas Räuber – keine vierzig, aber wir kochten immerhin für über 30 Personen. Ich musste meine Papiere zusammen bringen sowie Arzt und Zahnarzt besuchen. Eine reine Vorsorge, damit nicht schon im nächsten Hafen ein Arztbesuch anstehen würde. Ich kaufte mir viele Koch- und Metzgerbücher, auf diesem Gebiet hatte ich großen Nachholbedarf.

                                                                       
                                                                                             Die „MS FREIENFELS“ mein erstes Schiff 1960

Man bestellte mich ins Büro und gab mir eine Fahrkarte nach Hamburg und einen Heuerschein für die „Freienfels“, die im Hamburger Hafen lag und eine Generalüberholung bekam. Ich meldete mich bei dem wachhabenden Offizier, der mich dann an den Koch weiterleitete. Es waren einige Werftarbeiter an Bord und eine kleine Mannschaft, für die wir das Essen zubereiteten. Wir, das waren der Koch, ein Kochsmaat – von Hause aus Schlachter und meine Wenigkeit, der Kochs/Bäckerjunge.

Hätte in meiner Lehr- oder gar Gesellenzeit jemand Bäcker zu mir gesagt, wäre ich ausgeflippt. Es gab einen Unterschied zwischen Bäcker und Konditor, und es war mir wichtig, dass man dies wusste. Bäcker arbeiten hauptsächlich mit Mehl und Konditoren mit Zucker.

Ich kam dann auch gern mit meinem Spruch: Man beachte bitte die letzten zwei Buchstaben: Schust-er, Schreiner, Metzg-er, Bäck-er, Bettl-er, alles gleiche Endbuchstaben! Nun hört: Profess-or, Dokt-or, Direkt-or, Kondit-or, auch alles eins! Man merke sich den Unterschied. Doch langsam merkte ich, dass es auf einem Schiff eine viel stärkere Hierarchie gab.

Als Moses war man nur ein geduldetes Wesen. Ohne jeglichen Rechte, schon gar nicht mit der Erlaubnis, am gleichen Tisch mit einem erfahrenen Seemann verweilen zu dürfen. Aber irgendwie war das bei mir anders. Man respektierte mich, weil ich ja doch schon einen Beruf hatte. Zusätzlich erwartete man wohl, dass ich auf der Reise meine Konditorkenntnisse zum Einsatz brachte. Welcher Seemann kann widerstehen, wenn zur Kaffeezeit ein leckerer Kuchen auf dem Tisch steht. Und niemand will sich die Küchen-Gang zum Feind machen.

Einige Neckereien gab es schon, alleine deshalb, weil ich ja nicht von der Küste kam, sondern eine Landratte aus Frankfurt war. Es gab Begriffe, die ich schnell erlernen musste, zum Beispiel: Pütz (Kübel), Fulbrast (Mülleimer), Feudel (Putzlumpen), Back (Schüssel). Aber auch ein Teil vom Vorschiff, dann noch das Glasen und viele Ausdrücke mehr.

Die niederen Arbeiten wie Kartoffeln schälen, Küche putzen oder Lager-und Kühlräume sauber halten waren mir vorbehalten. Auch das Hochschleppen der gefrorenen Rinderviertel oder Schweinehälften von den unter der Küche liegenden Kühlräumen über einen steilen Aufgang in die Küche gehörte zu meinen Aufgaben- auch bei schwerem Seegang.

Doch zurzeit lagen wir immer noch an Schuppen 80 und warteten auf die Fertigstellung der Reparaturen. Es war zwei Tage vor unserem Auslaufen und wir wurden für die Reise ausgerüstet. Können Sie sich daran erinnern wie es Ihnen erging, als Sie das erste Mal bewusst auf Weihnachten und die Bescherung gewartet haben? So war mir in diesen Tagen zumute. Ich war aufgeregt und konnte es nicht erwarten.

Der Hafen von Hamburg

Für zweihundert Tage bekamen wir Proviant. Zumindest alles, was gefroren war und auch den Dosenvorrat. Frischgemüse wurde immer da gekauft, wo es welches gab. Doch das alles war nicht mein Problem.

Wir hatten den 30. Oktober und es war mein 19. Geburtstag. Für die Küche, die Stewards, den Bootsmann und den Zimmermann hatte ich schon bei der 10-Uhr-Smoke-Time eine Runde Bier ausgegeben. Vom ersten Tag an war die Küche, beziehungsweise das Deck vor der Küche, der Treffpunkt für Klatsch und Tratsch. Wie an Land beim Friseur.

Die 10-Uhr-Pause war einfach der Treffpunkt für ein Schwätzchen. Wohl, weil es in der kalten Zone heiße Kraftbrühe und in der heißen Zone kalte Getränke gab. Beliebt war das „Guiampel-Wasser“, wie die Seeleute das selbst zusammengerührte Limogetränk nannten. In meiner Mittagspause von 13 Uhr bis 15 Uhr ging ich wie immer in meine Kammer, die ich mit dem MetzgerKochsmaat teilte. Auch hatte ich mit den anderen einige Becks-Bier, welches wohl jeder Bremer Dampfer an Bord hat, getrunken. Ich war gut drauf und wollte mich ein bisschen erholen, damit ich für den Abend wieder fit war. Mich erwartete eine Überraschung, sozusagen ein Geburtstagsgeschenk von meinen Smoke-Time-Kollegen.

Die Fenster – es waren richtige viereckige, keine runden Bullaugen 54 – waren mit Vorhängen zugezogen. Es war dunkel und auch als ich den Lichtschalter einige Male hin und her drehte, blieb es so. Vor jeder Koje war noch mal ein Vorhang, den man zuzog, wenn man seine Ruhe haben wollte.Die untere Koje war meine und der Vorhang war zu.                                                         Im Dunkeln zog ich mich aus, schob den Vorhang beiseite und schwang mich in meine Koje. Das heißt – ich wollte! In dem Moment gingen der Fenstervorhang auf und das Licht an.Und jetzt sah ich: In meiner Koje lag eine nackte Frau.                                                                         Und die Meute vor dem Fenster grölte! Es war kein Gesang, sondern wirklich ein Gegröle, aus dem ich das „Happy Birthday To You“ heraus hörte. Mein Schock, ich weiß nicht ob wegen der Frau oder dass ich nackt war und die halbe Besatzung vor meinem Fenster jubelte, war schnell vergangen.

Ich tat wohl das einzig Richtige und legte mich zu der mir fremden Nackten in meine Koje.

Es gab kein Entrinnen, ich musste da durch! Ich stand aber doch noch einmal auf, schloss das Fenster, zog den Vorhang zu, legte mich wieder zu meinem Geburtstagsgeschenk und ergab mich meinem Schicksal.

Man hätte mir zu meinem Geburtstag Blumen schenken können, eine Flasche Whisky, eine Freifahrtkarte für die Geisterbahn oder ganz einfach einen Gutschein für den Puff in der Herbertstraße.                                                                                                                                                          Aber nein, es musste hier an Bord sein, so dass die Klatschmäuler auf der ganzen Reise etwas zu erzählen hatten. Ich konzentrierte mich nun auf meinen Gast und erfuhr, dass sie Erna hieß und in der Gaststätte Labermann als Bedienung arbeitete. Bedienung ist gut.

Die nächsten zwei Stunden bediente sie mich erstklassig und der Service war perfekt, soweit ich das beurteilen konnte, denn eine so große Erfahrung hatte ich noch nicht.Nach Ernas „Bedienung“ wusste ich etwas mehr von und über Frauen.                                                                     Bezahlt hatten die Jungens im Voraus und Erna war zufrieden.

Bei späteren Reisen und Liegezeiten in Hamburg traf ich Erna noch des Öfteren, aber da musste ich selbst bezahlen. Auf diesem Schiff und dieser Reise wurde noch oft vom Geburtstag gesprochen. Von Hamburg verabschiedeten wir uns und unsere Fahrt begann.

Ich stellte mir vor, dass ich wohl bis Port Said brauchte, um mir alle Gesichter zu merken. Doch da man an Bord ein Gesicht öfter am Tag sieht, merkt man es sich schneller. Zwischen dem Mannschafts-Steward und mir entstand eine gute Bord-Kameradschaft. Wir saßen häufig beisammen und erzählten uns Geschichten von unserem Landleben.

Er war ein cleverer Bursche und ich konnte bestimmt noch viel von ihm lernen. Auch hatte er schon einige Reisen auf anderen Schiffen gemacht.

Als ich das erste Mal an der Seekrankheit sterben wollte, gab er mir gute Ratschläge und Überlebens-anweisungen.

Unsere Fahrt ging nach Indien, zum Persischen Golf, nach Amerika und zurück in den Golf. Danach sollten wir eine neue Route bekommen. Lange Reisen ohne Heimathafen würden es werden, aber ich war glücklich. Endlich hatte sich mein Traum erfüllt. Ich war auf See und auf dem Wege nach Indien!

Die Hausflagge der Bremer Reederei DDG HANSA

Jede Reederei hatte ein Spezialgebiet. Die „Hansa“ fuhr nach Indien und in die USA, „Hapag“ nach Ostasien und Japan und die „Hamburg-Süd“ holte Bananen aus Südamerika. Der „Norddeutsche Lloyd“ war unterwegs nach Asien und Amerika und die „Levante“-Reederei war im Mittelmeer zu Hause. Andere wiederum fuhren nach Afrika oder in die Nordmeere. Auch waren die Schiffsnamen und der Schornstein ein Kennzeichen der Reederei. Endungen de Schiffsnamen auf -fels oder -stein, auch Städte- oder deutsche Ländernamen waren charakteristisch für jede Reederei. Unser Koch war schon sehr oft in Indien und Pakistan (Hansa Spezial), er kochte geniale Currys.

Auch die Besatzung war currybesessen und heute Mittag gab es für mich sozusagen das Einstandsessen für Indienfahrer. Das Curry war nicht schlecht, aber für mich als Neuling viel zu scharf. Schnell lernte ich, dass Brot, Joghurt und Süßes die Schärfe etwas mildern. Das Curryessen war mittags – nun war es Nachmittag. Wir waren in der Biskaya angekommen und schlechtes Wetter zog auf. ……

Wie diese Reise wohl weiter ging erfährst du etwas später…einfach dran bleiben…

 

Meine Erfahrung mit dem Sozialismus

Meine Erfahrung mit dem Sozialismus

Der Dom zu Erfurt

Mein erster Urlaub stand bevor. Vater holte mich mit seinem 500er Fiat ab und es ging nach Hause zu Mutter und Bruder.

Einen Monat lang gab es keinen Lehrmeister, keine Backstube, keine Brötchentour, kein Versorgungsamt und auch kein Lehrmädchen, dem ich unter den Rock fassen konnte.

Aber dafür gab es eine Reise mit Mutter in die DDR, in die Ostzone, zu ihrem Bruder. Am dritten Tag meines Urlaubs saßen Mutter und ich schon im Zug in Richtung Erfurt. Dort hatte mein Onkel eine eigene Bäckerei und war auch noch der Betriebsleiter oder so etwas Ähnliches in einer HO-Bäckerei. Auf alle Fälle ging es ihm finanziell sehr gut und das merkte man auch an seiner Lebensart.

Geld war genug vorhanden, nur konnte man nichts dafür kaufen. Onkel hatte einen Skoda, Tante viele Nerzmäntel und gegessen wurde nur im Hotel. Onkel sagte zu mir, ich solle so viel Geld ausgeben, wie ich nur könnte. Ich wusste allerdings nicht, wofür ich Geld ausgeben sollte, da es nichts gab, was ich hätte gebrauchen können. So fuhren Onkel, der sich für uns Urlaub genommen hatte, Tante, Mutter und ich durch die halbe Republik.

Zu essen gab es nur das Feinste vom Feinsten. Einen so schönen Urlaub hatte ich mir nicht vorgestellt. Das lag wohl daran, dass mir jeder, dem ich vom Urlaub im Osten erzählt hatte, davon abriet.

Die Begründung war immer die gleiche: es gäbe dort nichts, nicht einmal Zitronen oder Bananen hätte man dort. Auch gäbe es keinen Bohnenkaffee und keine Schokolade.

Ehrlich gesagt habe ich weder Zitronen, Bananen noch den Kaffee vermisst. Und Schokolade hatte ich genug in meinem Betrieb. Mein Cousin, der älter war als ich und studierte, nahm mich des Öfteren mit zu seinen Sportveranstaltungen: Motocross-Fahrten, Fallschirmspringen und gemeinsame Campingübernachtungen. Dies alles machte mir sehr viel Spaß.

Die politischen Diskussionen waren allerdings nichts für mich. Den Quatsch, wir Wessis seien Sklaven der Amerikaner und der Sozialismus, so wie er in der DDR vorhanden sei, wäre das einzig Richtige, wollte ich mir nicht anhören. Ich widersprach aber auch nicht und mein Cousin war zufrieden.

Ich wusste, dass mein Onkel mit dem Gedanken spielte, die Republik zu verlassen. Da Mutter mich eindringlich bat, nichts von dem zufällig aufgeschnappten Gespräch zu erwähnen, hielt ich meinen Mund.

Drei Tage vor unserer Heimreise bekam Mutter von Vater ein Telegramm mit der Bitte sofort zurück zu kehren. So wurde die Abreise vorverlegt und zu Hause erwartete uns eine böse Überraschung: Mein Bruder hatte einen schweren Motorradunfall und lag im Krankenhaus. Sein ganzer Stolz war seine BMW R23 – mit dieser Maschine war er nun verunglückt.

Die BMW R26 von meinem Bruder

Das Motorrad hatte er erst sechs Monate zuvor gekauft. Er hatte einen Arbeitsunfall und erlitt dabei Verletzungen, für die er finanziell entschädigt wurde. Mit diesem Geld kaufte er sich die BMW-Maschine.

Nach dem Besuch im Krankenhaus war die Urlaubsstimmung wie weggeblasen. Es war so traurig, meinen Bruder am Kopf, am Arm und am Brustkorb mit Gips und Binden eingehüllt zu sehen. Schon am nächsten Tag bekamen wir die Nachricht, dass er verstorben sei.

Am 20. 5. 1957 haben wir Günther beerdigt. Er wurde 21 Jahre, vier Monate und einen Tag alt. Irgendwie war ich dann doch froh, wieder nach Marburg zu müssen, denn die Heulerei von Mutter, die Brüder und Schwestern und der Vater meines Vaters – sie alle verwandelten unser Heim in ein Tollhaus.

Vaters Vater, also mein Opa, war 68 und mit einer 32- jährigen verheiratet und mit ihrem gemeinsamen, 4-jährigen Sohn, waren sie die Superstars. Vater war schon immer der Ruhige, doch nun wurde er noch stiller und verschlossener.

Dieses Mal dauerte meine Zugreise nach Marburg nur noch vier Stunden. Ich kannte mich schon sehr gut mit dem Umsteigen aus. Auf Arbeit hatte ich Glück, denn ein neuer Bäckerlehrling hatte begonnen. Ich brauchte keine Brötchentour mehr zu fahren und das Versorgungsamt nicht mehr zu beliefern.

Auch bekam ich nun mehr Lohn, genau das Doppelte, im zweiten Lehrjahr hatte ich nun 24 DM anstatt 12 DM zur Verfügung. Mein Lehrmeister gab sich von nun an sehr viel Mühe mit mir, aber auch von mir verlangte er vollen Einsatz. Nicht selten war mein Arbeitstag von morgens 7 Uhr bis nachts 22 Uhr. So gegen 16 Uhr sagte dann mein Meister so was wie: „Du kannst jetzt auf dein Zimmer gehen, aber ich mache jetzt noch Marzipanarbeiten, Zuckerblasen oder eine neue Pralinensorte. Wenn du Lust hast, kannst du hier bleiben und lernen. Leider habe ich nur jetzt die Zeit solche Arbeiten zu erledigen.“

Am liebsten arbeitete ich mit Schokolade, das Pralinenmachen war für mich keine Arbeit, es war Kunst. Die einzelnen kleinen Leckereien herzustellen war für mich das Größte. Und so blieb ich und lernte die Kunst der feinen Konditorei.

Mein Favorit waren und sind bis heute Weinbrandkirschen. Um diese herzustellen, braucht man zwei Jahre. Ehrenwort, ich übertreibe nicht!

Und dieses Geheimnis der Herstellung verrate ich nun.

Für Sie, zum Kopieren, oder Aufschreiben.

Aufgepasst, so geht es: Man gehe in den Garten und ernte schöne, reife, aber am Stiel feste Kirschen,- wenn möglich etwas säuerliche. Die Kirschen werden gewaschen (Vorsicht! Der Stiel darf nicht abgehen!) und zum Trocknen liegen gelassen. Die gewaschenen, getrockneten Kirschen werden in ein Einwegglas gegeben und mit Kirschwasser aufgefüllt. Der Deckel wird zugedreht und die Kirschen im Kirschwasser für ein Jahr vergessen.

Im Jahr darauf wird das Glas mit den Kirschen hervorgeholt, in ein Sieb gekippt und das Kirschwasser abgegossen. Das Kirschwasser sollte für eine Weiterverarbeitung aufgehoben werden, (zum Beispiel kann man, mit Läuterzucker vermischt, damit Biskuitböden für Schwarzwälder-Kirsch-Torte tränken. Oder man kann das Kirschwasser einfach trinken. Ich durfte das nicht …)

Die Kirschen aus dem Sieb nehmen und trocknen. Inzwischen werden Kuvertüre, weißer Fondant, Absetzpapier, Weizenpuder und Pralinenüberziehgabeln vorbereitet. Kuvertüre wird im Temperierapparat oder im Wasserbad bei 37 °C zum Schmelzen gebracht.

Oder man macht den Temperaturtest, indem man den kleinen Finger mit der Seite kurz in die Schokolade taucht oder mit dem Rührspachtel etwas Schokolade an die Lippen bringt.

In beiden Fällen dürfte keine Temperatur gespürt werden. Das sind dann 37 °C oder Körpertemperatur. Die Absetzfolie wird mit Weizenpuder bestäubt, der Fondant wird erwärmt, bis er zähflüssig wird.

Nun wird die Kirsche vorsichtig am Stiel gefasst und in den Fondant getaucht. Danach taucht man sie in die Kuvertüre (Schokolade) mit Hilfe einer Pralinengabel. Die Kirsche wird nun aus der Schokolade geholt und auf das Absetzpapier gesetzt.

Die Schokolade muss man nur noch erkalten lassen und fertig ist die Praline! Die Flüssigkeit in der Praline entsteht dadurch, dass der Alkohol, also das Kirschwasser, den Fondant auflöst und somit flüssig macht.

Man muss immer aufpassen, dass der Stiel nicht beschädigt wird und fest an der Schokolade sitzt, sonst tritt das Kirschwasser aus, die Kirsche vertrocknet und die Praline ist verdorben!

Wenn zu viel am Stiel gewackelt wird, tritt Flüssigkeit aus und die Praline „tränt“, so sagt man es. Aber wir wollen doch keine heulenden Pralinen.

Einfacher ist es jedoch, Sie kaufen sich Pralinen bei ihrem Konditor!

Mein zweites Lehrjahr verging fast ohne nennenswerte Zwischenfälle. Ich trat einem Sportklub bei, dem 1. BC Marburg- das war ein Boxklub. Ein Geselle aus unserem Betrieb hatte mich dazu überredet. Ich lernte nicht nur das Boxen, ich lernte auch andere Leute kennen. Zweimal die Woche war Training und anschließend trafen wir uns zu einem Glas Cola oder Ähnlichem, da Alkohol tabu war.

Nachdem ich meine Anfangsschwierigkeiten überwunden hatte- ich war zu Beginn immer der, der eins auf die Nase bekam- wurde mein Selbstvertrauen größer. Für mich, der keine körperliche Arbeit verrichten musste, waren das Seilspringen, die Bodenübungen, das Schattenboxen sowie die Sparringkämpfe ein Muss, um meinen Körper fit zu halten. In der Backstube schüttete ich mir schon mal einen halben Liter Sahne in den Rachen oder verquirlte mir schnell ein paar Eier, also musste ich meine Kalorien irgendwie loswerden. Was also war da besser, als solch einen Sport zu betreiben.

Ich konnte nicht nur der Kleinen aus unserem Verkaufsladen hinterherlaufen, wenn sie im Lager etwas holen musste, zum Sex war sowieso keine Zeit. Es gab ein bisschen Fummeleien und das war es dann auch schon. Eine richtige Freundin hatte ich damals nicht. Durch mein hartes Training brachte ich es im Bantamgewicht zum Jugendmeister.

Das war im dritten Lehrjahr.

Doch war da noch eine Sache, die mich für mein späteres Leben geprägt hat. Es war Silvesternacht, eigentlich schon Neujahrmorgen. Mit den Arbeitskollegen habe ich Silvester gefeiert und auch ein paar Bier getrunken. Auf dem Heimweg, in der Höhe von der Post, kamen uns zwei Pärchen entgegen.

Sie liefen so dicht nebeneinander her, dass da kein Platz mehr war, um vorbeigehen zu können. Man musste zum Ausweichen auf die Straße runter. Warum aber ich? Oder wir? Die anderen sollen mal Platz machen! Und so stark, wie ich mich nach den Bieren fühlte, sagte ich den vier Entgegenkommenden dann auch, dass sie mal ein bisschen beiseite gehen sollten. Um etwas Druck zu machen, fügte ich noch den Spruch dazu, dass ich Boxer sei und ihnen zeigen würde, wie eine Harke aussähe. Jawohl, im 1. BC Marburg sei ich!

Ich hatte es nicht einmal ganz ausgesprochen da packten mich zwei Fäuste und hoben mich in die Höhe, als sei ich eine Feder. „Und ich bin Hessenmeister im Schwergewicht, auch im 1. BC Marburg. Das solltest du wissen! Und jetzt verpiss dich und geh schlafen!“ Es hat nicht weh getan, aber ich spüre den harte Griff noch heute. Wieder am Boden angelangt, konnte keiner so schnell Fersengeld geben, wie ich es nun tat.

Von diesem Tag an habe ich nie wieder damit angegeben, dass ich boxen kann. Obwohl ich es später wirklich gut konnte – darüber geredet habe ich nie – ich zeigte es nur. Dann war da noch etwas, was meine berufliche Laufbahn fast beendet hätte, bevor sie richtig begann: Ich arbeitete wieder an meiner Lieblingsaufgabe – der Pralinenherstellung.

Dazu musste ich den Kuvertüre-Apparat auffüllen. Der Meister wollte, dass der Apparat immer mit 7 kg aufgefüllt war. Unsere großen Blöcke waren zu 2,5 kg abgepackt. Also verarbeitete man drei dieser Blöcke und 500 g war der Rest. Die Einteilung war zu je 100 g eingezeichnet, also blieben fünf Striche zu je 100 g übrig.

Doch an diesem Vormittag hatte ich Berufsschule und ich brach mir einen Teil des 500 gReststücks ab, steckte es mir in die Hosentasche und vergaß es dort. Erst in der Schule dachte ich wieder daran. „Was soll‘s?“ dachte ich. „Esse ich es eben später.“ Ich machte mir keine weiteren Gedanken. Mein Meister jedoch, Perfektionist wie immer, sah sofort, dass nur noch ein Teil, ca. 300 g statt 500 g Restschokolade vorhanden war.

Er fragte jede nach dem fehlenden Stück aber er wusste ja auch, dass ich den Temperier-Apparat aufgefüllt hatte – somit kam auch nur ich als Langfinger in Frage. Es gab eine Spindkontrolle in meiner Abwesenheit und siehe da, in meiner Bäckerhose fanden sich die vermissten 200 g.

Ich Dummkopf hätte mir nur von dem Teil nehmen sollen, der im Temperier-Apparat geschmolzen war – niemand hätte eine Differenz bemerkt. Aber wer ist auch schon so doof und vergisst Schokolade in seiner Hosentasche… „Hier kommt der Dieb!“, begrüßte mich mein Meister, als ich aus der Berufsschule kam.

Ich war erstaunt und fragte ihn, was das zu bedeuten hätte. Er erklärte mir die Sache mit der Schokolade und sagte mir auch, dass er schon meinen Vater unterrichtet habe und er am Sonntag kommen würde, um über die hässliche Sache zu verhandeln.

Mein Lehrmeister wollte von Mundraub nichts wissen, er bestand auf Diebstahl. Und so 40 kam am nächsten Sonntag mein Vater mit Mutter, um über die Sache zu sprechen. Nach vielem hin und her und viel Palaver war die Angelegenheit klar: Mein Vater wies mich an, meine Sachen zu packen. Mein Lehrvertrag sei beendet und in so einem Laden würde er mich nicht in der Obhut eines solchen Menschen lassen.

So böse hatte ich Vater noch nie gesehen. Natürlich hatte ich bei meinem letzten Urlaub von meinen Arbeitszeiten gesprochen und meine Eltern wussten Bescheid. „Hol deinen Koffer und ab in den Fiat. Hier ist es aus!“ sagte er zu mir. Nun aber gab ich meinen Kommentar zu diesem Thema ab. „Kein Koffer, keine Fahrt im 500er Fiat! Der Lehrvertrag bleibt bestehen und ich bleibe hier.

Ich werde mich beim Meister entschuldigen und ihm sagen, dass so etwas nicht wieder vorkommt.“ Mein Lehrmeister willigte sofort ein und wollte die Sache vergessen. Doch mein Vater verstand mich und meine kleine Welt nicht mehr.

Er fuhr mit Mutter in seinem 500er Fiat nach Hause, doch versprach er mir, mir nie wieder in irgendeiner Weise zu helfen, sollte noch einmal so eine oder ähnliche Situation vorkommen.

Mein drittes Lehrjahr verging ohne besonders großen Ärger.

Post aus Holland kam schon lange nicht mehr. Boxen und die bevorstehende Gesellenprüfung waren für mich von Bedeutung und alles andere war Nebensache. Was meinem Vater wohl nicht so klar war wie mir, war wohl die Tatsache, dass ich diese Prüfung machen musste, einen Abschluss brauchte, damit ich zur See fahren konnte.

Mit einem guten Zeugnis hätte ich eine größere Chance, als Schiffskoch eine Stelle zu bekommen. Vielleicht lag mein Bleiben-Wollen aber auch ein bisschen darin begründet, dass diesen kleinen 500er Fiat hasste. Ich musste ja hinten sitzen und das ging nur, wenn ich mich quer setzte und dann jagte mir das Heulen des Motors Angst ein.

Wenn die Laster uns überholten, dachte ich immer, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Ein Glück, das ich ja nur selten mitfahren musste! Aber warum auch immer ich nicht mit meinem Vater nach Hause zurück fuhr – die Lehrzeit ging ohne weitere Vorkommnisse weiter.

Das letzte Ausbildungsjahr war vorüber und am 7. 4. 1959 bekam ich die Bestätigung, dass ich die theoretische Prüfung mit „Gut“ und die praktische mit „Sehr gut“ bestanden hatte. Ich freute mich sehr!

Das Angebot von meinem Lehrmeister, bei ihm als Geselle zu arbeiten lehnte ich dankend ab. Ich hatte genug von seiner Sklaverei und verabschiedete mich von ihm, den Kollegen und der kleinen Verkäuferin, der ich immer unter den Rock fassen durfte. Ihre Prüfung stand noch aus – ich meine die Gesellenprüfung! Mit der anderen Prüfung hatte ich nichts mehr zu tun. Von meinen Sportkollegen musste ich mich verabschieden, ebenso wie von Marburg und damit auch von der Milchbar am Rudolfplatz.

Die Lehrjahre,keine Herrenjahre…

Die Lehrjahre

Der Konditor

Die Lehrzeit in Marburg/Lahn

Die Elisabeth Kirche

Ich hatte Angst, niemals am Ziel anzukommen. Selbst der O-Bus in Marburg machte mir Angst und immer wieder musste ich mich durchfragen. Doch endlich gegen 16 Uhr, nach achtstündiger Reise, bin ich in der Konditorei angekommen! Mir wurde ein Zimmer unter dem Dach zugewiesen und ich bekam meine Arbeitsuniform sowie Verpflegung für die ganze Woche. Margarine im Becher, vier gekochte Eier, eine Dose Hering in Tomatensoße, eine Schachtel Dreiecks-Käse – streichfähig, eine kleine Salami, ein Päckchen gekochten Schinken und ein Laib Brot, dazu Blechteller, Messer, Tasse und Löffel. Das war also die Wochenration fürs Abendessen. Heißes Wasser für die Teezubereitung und den Tee gab es jeweils abends nach Arbeitsschluss.

Ich merkte sofort, dass ich nicht im Paradies gelandet war.

Am nächsten Tag musste ich mich um 7 Uhr in der Backstube melden. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, dieser schlaue Spruch würde mich nun die nächsten drei Jahre begleiten, da war ich mir sicher.

Für meine vierzehneinhalb Jahre durfte ich auch gleich allerhand Aufgaben erledigen. Da auch eine Bäckerei an die Konditorei angeschlossen und kein Bäckerlehrling vorhanden war, wurden mir auch diese Arbeiten anvertraut.

Das sah dann so aus: Schon um 6 Uhr musste ich in der Bäckerei sein, um die Brötchen, abgepackt in Tüten, in einem Weidenkorb auf dem Rücken per Fahrrad in Marburg-Süd auszuteilen. Gegen 8 Uhr war ich zurück und in der Konditorei tätig. Um 10 Uhr bekam ich einen Tragekorb mit Henkel, gefüllt mit Backwaren vom Vortag.

Dieses Mal führte der Weg nach gegenüber in das große Amtsgebäude. Dort verkaufte ich die Vortags-Backwaren für weniger Geld als im Laden an die Büroangestellten.

Dies dauerte eine Stunde und bis mittags durfte ich dann wieder in der Backstube arbeiten. Meine Kolleginnen und Kollegen waren sehr nett zu mir, denn ich war ja noch so jung und so weit von zu Hause weg.

Das Team bestand aus drei Konditoren, drei Bäckergesellen,drei Café-Bedienungen, zwei Verkäuferinnen und einem weiblichen Verkaufslehrling in meinem Alter. Zum Mittagessen saßen wir, soweit es ging, alle zusammen und waren mit Meister und Meisterin eine große Familie.

Hin und wieder musste jemand seinen Teller stehen lassen, um in der Backstube oder im Laden etwas zu erledigen.

Es gab fast täglich irgendein Essen, das in einem großen, schwarzen, eisernen Bräter Platz hatte und im Backofen gegart wurde. Plunderteilchen, Zimtschnecken, Hefeteilchen und alles, was die Büroangestellten im Amt nicht haben wollten wanderten in den Bräter. Manche dieser Gebäckteilchen waren nun schon drei Tage alt. Es kamen Amerikaner, dänische Plunder, Baseler Leckerli, französische Petit-Fours, oberhessische Eierwecken und sogar Weißbrot hinein.

 

Ich durfte einige Eier mit Milch verquirlen und über all diese zerbröckelten Süßigkeiten gießen. Auch durfte ich die Vanillesoße kochen und auf den Tisch stellen.

Der Meister spendierte ab und zu ein Glas von selbst gepflückten und eingemachten Früchten.

Am Anfang fand ich unser Essen sehr gut, doch nach einem Monat wollte und konnte ich keinen „Armen Ritter“ oder „Kirschenmichel“, wie auch immer diese Speisen hießen, nicht mehr sehen – geschweige denn essen.

War etwas von diesem leckeren Essen übrig geblieben, so kam es in den Kühlschrank und am nächsten Tag gab es dann „Kalten Hund“- so taufte unser Lehrmeister dann diese Speise.

Einmal pro Woche brachte unser Nachbar, ein Metzger, seine Formen mit Leberkäse zum Backen mit. Da war immer eine Form für uns dabei, was für ein Fest!

Frische Brötchen, dazu eine dicke Scheibe heißer Leberkäse! Mit den frischen Brötchen musste man aber aufpassen, es war uns verboten welche zu nehmen, nur die vom Tag davor waren für uns erlaubt. Einmal hatte mich der Meister erwischt, wie ich ein gerade aus dem Ofen gekommendes Plunderhörnchen in meine Schürze gesteckt hatte, um es auf der Toilette zu essen.

 

Es gab einen großen Krach und von da an war ich ein Dieb, zumindest in Meisters Augen. Auch achtete der Meister immer darauf, dass die Gebäckstücke so auf dem Blech oder Gitter in Reihe und Glied lagen, dass man sofort sehen konnte, wie viele es waren. Immer waren 4 mal 5 oder 9 mal 6 oder 7 mal 8 Stück auf dem Blech.

Mit einem Blick konnte er dann sehen, ob da eine Lücke war und ein Stück fehlte.

Im Herbst wurde jeder, der nicht unbedingt im Laden gebraucht wurde, in den großen Garten am Südbahnhof zum Früchtepflücken geschickt. Ich war bei jeder Aktion dabei, die nach Feierabend passierte, weil ich ja im Haus wohnte und niemand auf mich wartete.

Nach dem Pflaumenpflücken kam dann das Kochen von Pflaumenmus und auch das war meine Aufgabe. Mein Meister hatte sich einen schönen Spruch einfallen lassen, den er dann anwandte: „Du musst das nicht machen, aber wenn du etwas lernen willst, kann ich dir nur empfehlen da zu bleiben und die Sachen zu machen.“ Natürlich wollte ich lernen und meine Gesellenprüfung schaffen, also blieb ich und hielt meine Schnauze.

Da ich das Privileg hatte im Haus zu wohnen, durfte ich auch sonntags mit meinem Meister zusammen die Sahnetorten, die frischen Obsttorten, die Schnittchen, die Sahnekäsetorten und vieles mehr herstellen. Selbstverständlich war das freiwillig. Zu meinen Aufgaben gehörte auch, dass ich sonntags abends um 22 Uhr den großen Backofen anheizen durfte, besser gesagt, musste. Musste!

Wenn die Bäcker morgens um 3 Uhr kamen, hatte der Ofen die richtige Temperatur. Vergessen wir auch nicht, dass der Ofen mit Kohle-Briketts geheizt wurde. Und alle zwei Monate kam ein riesiger Laster mit diesen Briketts, die ich in den Keller schaffen „durfte“. Alles war von meinem Meister gut organisiert. Denn pünktlich um 6 Uhr morgens stand ja schon wieder meine Brötchentour mit frischen, heißen Brötchen oder Semmeln, wie andere sagen, auf der Agenda.

Von meinem Zimmer aus, das unter dem Dach lag, konnte ich durch die kleine Fensterluke das Marburger Schloss sehen. An meinem freien Tag, es konnte irgendein Wochentag oder sehr selten sogar ein Sonntag sein, wanderte ich oft zu dem Schloss. Und auf dem Rückweg gönnte ich mir in der Milchbar am Rudolfplatz einen Milchshake, so auch an diesem Tag.

Vom Schloss aus hatte man einen einmaligen Blick auf Marburg, die Elisabethkirche und bis hin zum Bahnhof. Marburg war nicht nur Universitätsstadt, sondern auch eine Garnisonsstadt. So prägten junge Leute, Studenten, Soldaten oder Handwerker wie ich, das Stadtbild. Sie waren überall zu sehen, so auch in der Milchbar, deshalb zog es mich immer wieder dorthin. Mit meinem kleinen Lehrlingslohn von gerade einmal 12 DM im Monat musste ich sehr vorsichtig umgehen. Doch für einen Milchshake, manchmal sogar mit etwas Alkohol verfeinert, konnte ich 1,20 DM ausgeben.

Da ich nicht rauchte, nicht trank und auch sonst kein Laster hatte, mich auch nicht um ein Zimmer oder Essen zu sorgen brauchte, kam ich gut zurecht.

Eine Gruppe junger Mädchen, Holländerinnen, waren auf einer kleinen Deutschlandreise. Ich kam mit einem Mädel ins Gespräch und war erstaunt, wie gut sie Deutsch sprach. Auch Englisch würde sie sprechen, sagte sie mir. Wir verstanden uns sofort. Nicht nur sprachlich, nein – da war noch etwas – es war eine Sprache, die nur Herzen verstehen. Plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals und fing an zu stottern. Sie lachte und fragte, ob sie mich nervös machen würde. Ich bejahte und sie meinte dann, dass ich der netteste Junge sei, den sie kennen würde und sie hätte nichts dagegen, dass wir Freunde würden. Wir verabredeten uns am nächsten Tag gegen 15 Uhr vor dem Schloss, direkt unter dem Eingang des Torbogens. Ich vergaß, dass ich doch eigentlich arbeiten müsste.

Ich war verliebt und wollte Elane, so hieß die Holländerin, unbedingt wiedersehen. Ich musste sie noch einmal sehen und ihr sagen, dass wir uns schreiben und wiedersehen müssten, egal ob in Holland oder hier in Deutschland.

Am nächsten Tag erfand ich ab Mittag die heftigsten, schlimmsten Zahnschmerzen, die jemals ein Mensch haben konnte. Mein Gejammer wurde von meinem Meister erhört und ich war pünktlich um 15 Uhr unter dem Torbogen und wartete auf Elane.

Da ich das Schloss schon kannte, war ich ein guter Führer. Auch kannte ich die dunklen Ecken, in die ich sie dann führte und wir küssten uns.

Ich war fürchterlich aufgeregt! Ich weiß nicht genau, ob es wegen Elane oder wegen des erschwindelten Nachmittags war.

Ich war fünfzehn und Elane sagte, sie sei schon sechzehn. Ich glaubte ihr, denn sie brachte mir das Küssen bei.

Doch der Nachmittag verging und sie musste zurück zu ihrer Gruppe und ich in meine Backstube. Wir hatten unsere Adressen ausgetauscht und gelobten uns zu schreiben.

In Wormerveer bei Amsterdam war Elane zu Hause und ich versprach ihr, sie zu besuchen.

Das Datum ließ ich offen. Wir schrieben uns Postkarten und Briefe. Einmal schickte ich ihr ein Päckchen mit einem Mecki, einem Maskottchen, welches gerade „IN“ war und sie liebte diesen kleinen Igel.

 

Mich kostete es fast ein Monatsgehalt, aber was tut man nicht alles, wenn man verliebt ist.

Doch ich war ein schreibfauler Scheißkerl und beantwortete ihre Post nicht. Und somit kamen immer seltener Briefe aus Holland, bis eines Tages überhaupt keine Nachricht mehr kam.

Ich war nicht einmal traurig darüber und merkte das erste Mal im Leben: Aus den Augen ist aus dem Sinn!

Ich hatte mich dann mit der Verkaufs-Auszubildenden eingelassen und gab mein Wissen an Kuss-Technik an sie weiter. Manchmal übertrieb ich es, denn wenn sie etwas aus dem Lager holen sollte, schlich ich mich rein und wir rangelten uns auf den Mehlsäcken, küssten und befummelten uns.

Sex hatten wir nicht, aber ihr schwarzer Rock war vom Mehlstaub weiß und es gab Ärger.

Um Scherereien zu vermeiden, nahm ich mir vor, in Zukunft nichts mit Kolleginnen anzufangen.

Und? War deine Einführung ins Berufsleben auch so gelaufen?….doch es kam noch Heftiger…lies die Nächste Episode….

Der Autor von „Mein Traum frei zu sein“…………..

Ich lernte meinen Vater kennen

Endlich in der Himat
Aus Russischer Kriegsgefangenschaft zurück

Hier kommt wieder eine Episode aus dem Buch „Mein Traum frei zu sein“ Ich freue mich dass auch du wieder hier bist, und das nächste Kapitel lesen möchtest.

Ich lernte meinen Vater kennen.

Wir lebten schon über fünf Jahre in diesem kleinen Bauerndorf, da passierte etwas ganz Besonderes, sehr Aufregendes.                                                                                                 Mein zwölfter Geburtstag war gerade vorbei, es muss also im November 1953 gewesen sein. Schon seit Wochen wusste Mutter vom Roten Kreuz, dass Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen,und auf dem Weg von Sibirien nach Deutschland war. Das hieß, dass er zu jeder Zeit hier bei uns hätte eintreffen können.

Mutter war sehr nervös und konnte den Moment kaum erwarten. Dann war der Tag da, ich stand meinem Vater bewusst, zum ersten Mal gegenüber und er nahm mich in seine Arme. Da war er nun, in einem Watte gefütterten, abgesteppten, zerschlissenen, russischen Wintermantel, einer grau-grünen Hose, in Schuhen mit Gamaschen und auf dem Kopf trug er eine russische Pelzmütze. Von nun an hatten mein Bruder und ich einen Vater und Mutter wieder einen Mann.                                          Sehr schnell fand Vater in einer Eisengießerei im größeren Nachbarort eine Arbeit. Ab jetzt gab es jeden Sonntag Schnitzel oder panierte Koteletts auf den Tisch. Vater verbot Mutter, ihm auch nur einmal eine Suppe vorzusetzen. Seiner Meinung nach hatte er in der sibirischen Gefangenschaft genug Wasser mit Gras bekommen. Daneben war, nach Vaters Erzählungen, in der so genannten Suppe nichts weiter drin. Vater sprach sehr wenig über den Krieg und seine Gefangenschaft. Doch auch die wenigen Geschichten, die er hin und wieder preisgab, waren schockierend genug. So viele Jahre in einem russischen Silberbergwerk in Sibirien als ehemaliger deutscher Feldwebel zu Zwangsarbeit verurteilt zu sein, das war Hölle pur. Stalingrad hatte er überlebt, auch die Gefangenschaft, nun wollte er nur nicht mehr an diese Zeit erinnert werden. Damit Vaters Arbeitsweg nicht so lang war, zogen wir in den Nachbarort. Mein Bruder machte seine Lehre in derselben Fabrik, in der Vater arbeitete. Ich musste auch noch einmal die Schule wechseln.

Aber die Zeit kam, wo auch ich eine Lehre beginnen sollte. Mein letzter Schultag war im April 1956. Mit meinen 14 ½ Jahren und nach den 8 Jahren Volksschule – so hieß das früher – war ich nun reif für das Arbeitsleben, wie es die Erwachsenen nannten. Meine Eltern wollten mich auch in der Gießerei, in der Vater und mein Bruder arbeiteten, als Schlosserlehrling anmelden. Doch ich hatte andere Vorstellungen von meiner beruflichen Laufbahn. Ich wollte zur See fahren – ein Seemann wollte ich werden. Die Welt wollte ich sehen, nach Hawaii wollte ich, den Mädchen hatte ich doch versprochen, dass ich die eine oder die andere mit nach Hawaii nehmen würde. Ich war mir noch nicht sicher welche, aber das hatte ja auch Zeit. In die Fabrik zu Vater und Bruder – unmöglich!

Schon als kleiner Junge, und damit meine ich wirklich klein, war es mein Wunsch, als Schiffskoch die Welt kennenzulernen. Und nun sollte ich in diese Fabrik? Absolut undenkbar! Da gab es nur noch dieses winzige Problem: Wie wird man Schiffskoch? Meine Eltern waren von meiner Idee nicht angetan und wollten überhaupt nichts von der Seefahrt wissen.                                                                                 Eine Kochlehre dagegen sei eine weise Entscheidung, denn auch in schlechten Zeiten hätte ich dann immer etwas zu essen. Es gab viele Diskussionen und Tränen wegen dieses Themas, doch mein Entschluss stand fest: Ich werde Schiffskoch! Beim Arbeitsamt, es gab noch keine Jobcenter, hatten Mutter und ich einen Termin bei einem Berufsberater, so nannte sich der Herr.                                                                              Ich erinnere mich noch heute an den Herrn Berufsberater: Ein viel zu klein geratener Beamter an einem viel zu großen Schreibtisch. Dieser Mann fragte also, was wir wissen wollten. Und ich erklärte ihm direkt, dass er mir nur zu sagen brauchte, wie man Schiffskoch werden kann. Erstaunt antwortete er, dass dies nicht sein Gebiet sei. Aber zumindest wusste er, dass mir eine Seemanns Heuerstelle weiter helfen könne. Er selbst jedoch könnte mir eine Stelle als Kochlehrling verschaffen, wenn ich wollte.                                                              Natürlich wollte ich, man musste doch zuerst eine Lehre machen, um dann auf einem Schiff auszumustern. Als ausgelernter Koch wäre der Weg dahin frei. Also unterzog mich der Herr Berufsberater noch einem Eignungstest, so nannte er seine blöden Fragen. Unter anderem gab es diese: Wenn ein Gast an einem Freitag ein Fleischgericht bestellen würde, was hätte ich zu tun? Ich antwortete ihm, dass ich alles tun würde, den Wunsch des Gastes so gut ich es könnte zu erfüllen. Beim Berater machte sich Entrüstung breit, meine Antwort wäre total falsch. Ich müsste dem Gast eine Eierspeise oder ein Fischgericht empfehlen, da ein Christ an einem Freitag kein Fleisch essen dürfe. So verlange es die Religion! Mir wurde klar, dass ich noch viel zu lernen hätte, bevor ich die große, weite Welt verstehen würde. Und es wurde ein neuer Termin gemacht. Zwei Wochen später teilte man uns mit, dass es keine Stelle als Kochlehrling gäbe. Aber eine Ausbildung als Konditor könnte man mir vermitteln. Und so geschah es.

Alle waren der Meinung, dass Konditor und Koch am Ende auch nicht so weit auseinander lägen und ich bei der Seefahrt die gleichen Chancen hätte. Und so begann ich eine dreijährige Konditor-lehre in Marburg an der Lahn. Zu Hause wurde mit Vater noch einmal alles besprochen. Und an einem Sonntag, Vater hatte arbeitsfreie, fuhren er, Mutter und ich in unserem 500er Fiat die 80 km nach Marburg, um meine neue Lehrstelle zu besichtigen und den Lehrvertrag zu unterschreiben. Der Sonntag war auch deshalb ein günstiger Tag, weil das Konditorei-Café natürlich geöffnet war – gerade dieser Wochentag war der beste der Woche für eine Konditorei. Viel später erst merkte ich, was es hieß, immer sonntags arbeiten zu müssen. Aber so weit dachte ich damals nicht. Ich freute mich einfach über den unterschriebenen Lehrvertrag.

Der 1. April 1956 wurde als mein erster Arbeitstag vereinbart und in Vaters 500er Fiat ging es wieder zurück nach Hause. Nach der Heimfahrt war ich wie immer froh, aus dem Auto aussteigen zu können. Ich mochte dieses Transportmittel überhaupt nicht. Immer kam ich mir vor, als säße ich in einer Blechdose mit Rädern. Meist musste ich hinten sitzen, direkt über dem kleinen heulenden Motor. Und jedes Mal, wenn Vater schaltete, fühlte es sich an, als bekäme ich irgendwelche Splitter in meinen Hintern, denn Vater schaltete mit Zwischengas. Ich war froh, dass ich die nächste Zeit nicht mehr mitfahren musste.

Zum Lehrbeginn reiste ich mit der Bahn nach Marburg. Mutter packte mir ein blaues Pappköfferchen mit meinen Sachen voll und erklärte das Köfferchen nun zu meinem Eigentum. Von nun an hatte ich also einen eigenen Reisekoffer – wer kann das mit knapp 15 Jahren schon von sich behaupten? Ich war sehr stolz auf mich und meinen blauen Pappgefährten. Auf mich allein gestellt – in einem Zug – meine erste Reise überhaupt – auf dem Weg in die Fremde – es war ein unbeschreibliches Gefühl. Keine Eltern in der Nähe, die einem immer vorschrieben, was man darf und was nicht.                                                                                                                                                    Ich hatte die Freiheit und konnte nun tun und lassen, was ich wollte so dachte ich! Doch schon auf meiner ersten Reise musste ich feststellen, dass das Auf-sich-allein-gestellt-Sein gar nicht so einfach war.                                                                              Um 8 Uhr fuhr ich von zu Hause los, musste dreimal umsteigen und immer wieder Fahrgäste oder Bahnpersonal fragen, mit welchem Zug ich weiter fahren oder welches Gleis ich nehmen musste……

  fiat-500

                                                 Vaters erstes Auto, ein Fiat 500.

Dies war sozusagen meine erste große Reise,zu dieser Zeit wusste ich nicht wie viel Reisen noch kommen würden…

Verpasse die nächste Folge von „Mein Traum frei zu sein“nicht….

Die Vertreibung aus der Heimat

 

Die Vertreibung aus der Heimat


Mit der Geburt fängt bekanntlich alles an. So war es auch
bei mir, in meiner Geburtsurkunde steht, dass ich am 30.10.
geboren bin. Ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit mir
meine Mutter diese kleine Geschichte erzählte: Geboren bin
ich tatsächlich am 31.10. um 0:12 Uhr – also kurz nach
Mitternacht. Doch die wohl weit vorausblickende Hebamme
ließ die Papiere auf den 30.10. zwölf Minuten vor Mitternacht
ausstellen. Ihre Begründung war ganz einfach: In meinem
späteren Leben würde ich bestimmt mit Freunden meinen
Geburtstag feiern wollen. Der 31.Sei jedoch ein Gedenktag
ohne Musikveranstaltungen (so war es damals) und somit wäre
auch jegliches Feiern verboten. Damit ich jedoch meine
Geburtstage am 30. schön feiern und am nächsten Tag lange
ausschlafen könnte, gab es deswegen den kleinen Schwindelnatürlich nur zu meinem Vorteil. Meine Mutter hatte wohl
nichts dagegen und mich hatte man nicht gefragt. Aber ich bin
mir sicher, ich hätte zugestimmt. Ob das ein gutes Omen für
mich war, wird sich noch herausstellen.
Meine Ankunft auf dieser Welt war für meine Mutter, ich
hoffe es, ein freudiges Ereignis. Es war gewiss eine harte Zeit
für sie, denn mein Vater war Soldat im Krieg und kämpfte
immer noch im Glauben an den großen Sieg gegen Russland
und den Rest der Welt. Mit mir und meinem fünf Jahre älteren
Bruder waren drei hungrige Mäuler zu stopfen. Ein Krieg, wo
auf der Welt er auch stattfindet, bringt für niemanden ein
angenehmes Leben. Für eine Alleinstehende mit zwei Kindern
ist es ein Kampf um das tägliche Überleben. In der heutigen,
schnelllebigen Welt vergisst man das sehr schnell. Von den
Alten hat kaum einer unser „Kriegsleben“ vergessen. Heute
wundert man sich nur darüber, wie viele Kriege es immer noch
auf unserem Globus gibt.
Der Zweite Weltkrieg endete, und somit auch die
Berechtigung für meine Familie in unserer Heimat, dem
Riesengebirge, zu bleiben. Die Tschechen gaben Mutter sechs
Stunden Zeit zu packen, auch durfte sie großzügig 30 kg an
Hab und Gut mitnehmen, soweit sie mit einem Vierjährigem
21
und einem neunjährigem Kind überhaupt noch Gepäck
mitnehmen konnte. Es war ein verlorener Krieg und ich
musste dem Rübezahl und der Schneekoppe ade sagen, ohne
beides jemals gesehen zu haben.
Ein Zug mit Viehwaggons stand schon bereit, dieses Mal
jedoch nicht fürs Vieh, sondern für uns. Ich schätze, mehr
waren wir zu dieser Zeit für die Tschechen auch nicht wert.
Als Vierjähriger hatte ich noch nicht begreifen können, was da
passierte, aber in meinem Gedächtnis ist mir noch Einiges in
Erinnerung.
So habe ich zum Beispiel Erinnerungen an die Zugfahrt
und auch an das Haus, in dem wir vorher wohnten. Vom Haus
aus musste ich über eine Brücke, die über ein kleines Rinnsal,
die „Aupa“, führte, um zu einem Bäcker zu kommen. Da
Deutsche nur mit Marken einkaufen konnten, schickte man
mich los, weil ich vom tschechischen Bäcker meine Buchteln
auch ohne Marken bekam. Wer kann einem kleinen, blonden
Jungen schon etwas verbieten oder ihn gar aus dem Laden
schmeißen? Zumal man weiß, dass er hungrig ist. Auch ein
Tscheche kann das nicht. Der Zug brachte uns nach Hessen, in
ein „Flüchtlingslager“, in dem eine Registrierung stattfand.
Danach wurden wir in ein kleines Dorf gebracht, einquartiert
als Untermieter bei ganz netten Bauern, ob die das wollten
oder nicht.
Hier wuchs ich durch Mutters Fürsorge, die schützende
Hand meines Bruders und die Mithilfe des Bauern und der
Bäuerin zu einem kräftigen Jungen heran. Die Bäuerin, in ihrer
typisch hessischen Tracht, mit dem bunt besticktem Kopftuch,
das sie immer trug, dem schwarzen Rock, der Bluse und den
Wollstrümpfen, machte mir richtig Angst. Sie sah dann aus,
wie ich mir eine Hexe vorstellte.
Der Bauer dagegen war mit seinem von der Arbeit
gekrümmten Rücken noch ganz flink und erinnerte mich an
einen Riesen, wenn er so vor mir stand und auf mich herab
sah. Doch es waren ganz liebe Menschen und ich bekam fast
alles, was ich wollte, wenn sie es hatten.
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Wenn im Herbst die Sau geschlachtet wurde – oder
manchmal waren es schon mal zwei – war es für mich immer
ein Fest. Dann gab es eine kleine Blutwurst und Leberwurstextra für mich. Diese durfte ich auch alleine essen. Natürlich
gab ich meinem Bruder auch etwas davon ab. Der Bauer sagte
mir, dass dies dafür sei, weil ich immer die kleinen Kartoffeln
aufsammeln würde, nachdem die Erntehelfer fertig waren. Ich
durfte die selbst gesammelten Kartöffelchen immer behalten
und gab sie dann an Mutter weiter. Egal, es waren meine
Würste! Die Teile vom Schwein wurden im großen Kessel, in
dem sonst an Samstagen unser Badewasser vorbereitet wurde,
gebrüht und gekocht. Das Gleiche wurde auch mit den
Würsten gemacht.
Das alles ergab eine wunderbare Metzelsuppe, die Mutter
bekam und für uns Buben dann die ganze Woche reichte. Je
mehr Würste platzten, desto besser wurde die Suppe. Nach der
traurigen Vertreibung aus unserer Heimat fühlte ich mich hier
bei den Bauern sehr wohl und vergaß die Reise im
Viehtransporter sehr schnell.
Hier war einfach der Himmel auf Erden, besonders an
dem Tag, an dem die Bäuerin Brot buk – da war immer so ein
extrakleines, frisches Brot für mich dabei.
Abends roch es bei den Bauern immer so gut nach
Bratkartoffeln, Speck und gebratenen Eiern. Welcher stets
hungrige Junge kann da widerstehen? Rein zufällig ging ich
dann gerade an der immer offenen Küchentür vorbeiselbstverständlich nur so schnell, dass ich auch sicher sein
konnte, von der Bäuerin gesehen worden zu sein. Sie fragte
mich dann immer, ob ich denn hungrig sei- natürlich war ich
es! Und so bekam ich abends meine Bratkartoffeln mit Speck
und Ei.
Dann kam die Zeit, als ich eingeschult wurde. In meiner
Schulzeit passierte nichts Aufregendes- ich schwamm immer
in der Mitte mit. Da wir in einem kleinen Dorf waren, hat man
die ersten vier Jahrgänge zusammengelegt und trotzdem waren
wir nur 18 Mädchen und 6 Jungs. Auf die Frage, was ich
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einmal werden möchte, war meine Antwort immer ganz klipp
und klar: Schiffskoch.
Fast allen Mädchen versprach ich, dass ich sie nach
Hawaii mitnehmen würde und natürlich überall dahin, wo
auch das Schiff hinfahren würde.
Ganz schnell war ich der Liebling aller Mädels, denn sie
wollten alle nach Hawaii! Dafür brauchte ich fast nie die
Hausaufgaben zu machen, denn das erledigten meine
Freundinnen. Das ging gut, bis eines Tages der Lehrer dahinter
kam und ich mich daraufhin über einen Stuhl beugen musste
und Stockhiebe auf meinen Allerwertesten bekam.
Doch da ich immer aus ökologischen Gründen
Lederhosen trug und Mutter meinte, die gingen nie kaputt,
merkte ich keinen Schmerz. Nur das Gelächter der Klasse
hörte ich. Manchmal drehte der Lehrer einem die Haare an der
Schläfe zusammen, das tat höllisch weh. Hin und wieder gab
es auch Schläge mit einem Stöckchen auf die Finger.
Ich hatte mir einmal die Finger in der Klapptüre zu den
Jungen-Toiletten geklemmt.
Diese Toiletten waren so konstruiert, dass man an die
Wand pinkeln musste und der Urin verschwand dann in einer
Ablaufrinne. Dort war diese Pendeltüre, so dass man nicht
direkt zum Urinal sehen konnte. In eben dieser Pendeltüre
quetschte ich mir die Finger.
Zu Hause behauptete ich anschließend, dass dies vom
Stöckchen des Lehrers kam. Nach einer kurzen Ansage meiner
Mutter in der Schule gab es von diesem Tag an für niemanden
mehr die Finger-Strafe.
Eines Tages bekam jeder Schüler ein kleines Päckchen
mit der Aufschrift „Gift“. Ob uns da jemand umbringen
wollte? Keiner von uns machte auch nur Anstalten sein
Päckchen zu öffnen, denn wir wussten ja, was Gift ist.
Irgendwie hatte ich im Hinterstübchen das Gefühl, dass
irgendein Ungeheuer mich umbringen wollte. Ich hörte
sozusagen Sirenen-Geräusche und Alarmglocken. Doch unser
Lehrer klärte uns auf, dass das Wort Gift englisch sei und im
Deutschen mit „Geschenk“ übersetzt wird. Das war mein
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erstes englisches Wort. Ich war richtig stolz und gab bei
meinem Bruder an, dass ich Englisch sprechen könnte. In
meinem Päckchen waren wunderbare Naschereien drin, zum
Beispiel Schokolade, Bonbons, Kekse, Milchpulver, Kakao
und zwei Orangen.
Da ich diese bis zu dem Zeitpunkt nicht kannte, wollte ich
sie mit der Schale, wie einen Apfel, essen. Der Lehrer erklärte
mir, dass man die Schale entfernen muss. Das Päckchen für
mich kam aus Holland von einer Dame, der ich einen
Dankesbrief schrieb. Doch ich habe nie etwas von der
besagten Dame gehört. Wahrscheinlich hatte ich mit meinem
Dank zu lange gewartet.
Zur Schule gab mir meine Mutter mit Marmelade
geschmierte Pausenbrote mit. Die Bauernkinder hatten ihre
Brote mit Butter und Schinken oder mit hausgemachter Wurst.
Irgendwann hatte ich einem gut genährten, ich will nicht
sagen fettem, Bauernbuben mein Marmeladenbrot so
schmackhaft gemacht, dass er es unbedingt tauschen wollte.
Natürlich spielte ich ihm etwas vor und nur nach meinem
allergrößten Zögern tauschten wir dann unsere Pausenbrote.
Auch heute noch bin ich davon überzeugt, dass dies die besten
Schinkenbrote aller Zeiten waren!
Durch irgendwelche Vorurteile bekam ich keinen
richtigen Anschluss an meine Mitschüler. Deren Eltern gaben
die Auffassung weiter, dass die aus dem Osten, also die
Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, genauso ein „Gesindel“
und „unnützes Volk“ seien wie die Zigeuner – Sie alle sollten
besser wieder in den Osten zurückgehen.

 

 

Vör en Deef kann man de Dör tomaken, avers vor en Lögner nich.

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